"Ziemlich beste Freunde": Grandseigneur trifft Großmaul

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München - Die warmherzige französische Komödie „Ziemlich beste Freunde“ entpuppt sich als allerbeste Kinounterhaltung für Krisenzeiten. Sehen Sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik.

Es müsse ein Ruck durch Deutschland gehen, forderte Roman Herzog vor knapp 15 Jahren. Doch bislang geht eher ein Riss durch westeuropäische Gesellschaften – eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich. Nehmen wir unsere französischen Nachbarn: Die Finanzkrise sorgt für Rekordarbeitslosigkeit, frustrierte Einwanderer lassen ihrer Wut freien Lauf, Präsident Sarkozy verfolgt eine Politik der Ausgrenzung. Und mitten in dieses Klima platzt eine heillos optimistische Kinokomödie, predigt Solidarität über alle sozialen Grenzen hinweg – und entwickelt sich zum zweiterfolgreichsten französischen Film aller Zeiten.

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„Ziemlich beste Freunde“, das vierte Werk des Autoren- und Regie-Duos Eric Toledano und Olivier Nakache („Die Draufgänger“), erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem steinreichen, feinsinnigen Adeligen und einem rotzfrechen farbigen Kleinkriminellen: Aus einer Laune heraus heuert der querschnittsgelähmte Aristokrat Philippe den ebenso ungebildeten wie unbekümmerten Sozialhilfeempfänger Driss als Pfleger an. Grandseigneur und Großmaul, Krawatte und Kapuzenshirt, Poesie und Pop: Die Gegensätze des ungleichen Traumpaares ergänzen sich perfekt – Driss übernimmt erstmals Verantwortung, Philippe schöpft neuen Lebensmut. Gemeinsam mischen sie die Pariser Schickimicki-Gesellschaft auf: Sie feiern fröhliche Hasch-Orgien, tunen Philippes Rollstuhl und liefern sich im Maserati wilde Verfolgungsjagden mit der Polizei. Realitätsferner Humbug? Nein! Der Film basiert auf der Lebensgeschichte des Champagnerfabrikanten Philippe Pozzo di Borgo. Die Regisseure behandeln das heikle Thema Behinderung mit erfrischendem, politisch unkorrektem Humor und finden dabei eine wunderbare Balance zwischen Emotion und Witz. Mäkler mögen monieren, dass das harmonieselige Drehbuch sämtliches Konfliktpotenzial verschenkt und ohne stringente Dramaturgie diverse Episoden aneinanderreiht, dass es vor Klischees strotzt und bisweilen auf allzu billige Lacher setzt, indem es sich etwa über Wagner-Opern oder moderne Kunst lustig macht. Doch diese kleinen Schwächen werden durch die charismatischen Akteure locker überspielt.

Schauspiel-Veteran François Cluzet („Kleine wahre Lügen“) zeichnet als Philippe das tief berührende Porträt eines an Leib und Seele verwundeten Menschen, und Newcomer Omar Sy („Micmacs“) verkörpert den schnoddrigen schwarzen Schlingel Driss mit entwaffnender Natürlichkeit und unwiderstehlichem Charme. Vor allem dem darstellerischen Dreamteam ist es zu verdanken, dass diese warmherzige Wohlfühlkomödie weltweit die Sympathien der Zuschauer gewinnt. Mit dem Turbo-Rollstuhl volle Pulle raus aus der Misere: „Ziemlich beste Freunde“ bietet allerbeste Kinounterhaltung für Krisenzeiten. Das US-Remake ist schon in Planung.

Marco Schmidt

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