"Ziemlich beste Freunde": Die wahre Geschichte zum Kino-Hit

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In dem Film „Ziemlich beste Freunde“ spielt François Cluzet den querschnittsgelähmten Adeligen Philippe Pozzo di Borgo, Omar Sy seinen Pfleger.

München - Ein wunderbarer Film aus Frankreich sorgt nun auch in Deutschland für Furore. „Ziemlich beste Freunde“ erzählt eine wahre Geschichte - und dieser ist unsere Autorin auf den Grund gegangen.

Die Nacht war schlecht. Der Herbst ist nicht seine Jahreszeit. Khadija, seine Frau, hat bis zum frühen Morgen dieses wolkigen 11. November an seinem Bett gewacht, um seine Schmerzen zu lindern. „Wenn Sie den Film gesehen haben“, sagt Philippe Pozzo di Borgo, „verstehen Sie.“

In dem Film „Ziemlich beste Freunde“ (Originaltitel: „Intouchables“, „Die Unberührbaren“) spielt François Cluzet den querschnittsgelähmten Helden, der im Bett liegt und fast erstickt, das Gesicht gekrümmt vor Schmerz. Driss (Omar Sy), sein häuslicher Pfleger, ein großer Schwarzer in Unterhose, eilt herein, rüttelt ihn, versucht, ihn zur Ruhe zu bringen, ihn atmen zu lassen, herzt ihn dann und wischt ihm die Stirn ab, als kümmere er sich um einen Sterbenden.

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Philippe Pozzo di Borgo, 60, das ist der wahre Querschnittsgelähmte, der, der die Filmemacher zu diesem Streifen inspiriert hat. In weniger als zwei Wochen hat die Geschichte um die Freundschaft zwischen einem Adeligen im Rollstuhl und einem Gangster aus der Pariser Banlieue mehr als drei Millionen Zuschauer in Frankreich begeistert. Mittlerweile sind es weit über 17 Millionen. Auch in Deutschland ist der Film „sensationell“ gestartet, heißt es beim Senator Filmverleih. Knapp 330 000 Zuschauer haben ihn in der ersten Woche gesehen.

Der Blick von Philippe hellt sich auf. Goldene Augen hat er, etwas Kastanie ist darin zu erkennen und etwas Honig. Es sind Augen, die einen anstarren und nicht mehr loslassen. Lachende Augen, eindringliche Augen, nachdenkliche Augen, verführerische Augen... Philippe hat keine Hände und keine Schultern, um seine Worte zu unterstreichen, für ihn gibt es nur einen großen elektrischen Rollstuhl, gesteuert von der Spitze seines Kinns. Verführerisch? Das Adjektiv gefällt ihm. „Ein Querschnittsgelähmter hat keine andere Wahl, sonst ist er tot.“ Er muss seinen Gegenüber vergessen lassen, dass er den Kaffee mit dem Strohhalm trinkt, um ihm glaubhaft zu erzählen, wie er seine zweite Frau erobert hat.

„Der Erfolg des Films ist unglaublich“, sagt Philippe Pozzo di Borgo. Wie man ihn erklären kann? Er hat da eine These: „Dies ist keine Geschichte über Behinderte. Eher eine allgemeine Lehrstunde über zwei Verzweifelte, die sich unterstützen. Im französischen Filmtitel ,Intouchables‘ ist der Buchstabe der wichtigste, den man nicht hört. Das S, für Solidarität. Unsere Gesellschaft spielt verrückt, alles gerät in Unordnung, die Finanzmärkte und der ganze Rest. Es ist richtig, sich zu empören, das reicht aber nicht. Man muss auch zusammenstehen.“ Ist das ein Rest bürgerlicher Erziehung? Das Erbe dieses einen Großvaters, der Kompagnon des kommunistischen Fabrik-Chefs war? Die Pozzo di Borgo sind Linke, alte Familientradition. Aber Philippe hat 2007 Sarkozy gewählt. Ob er das noch mal tun würde? Er weiß es nicht.

Das wunderbare Abenteuer hat hier begonnen. In diesem hübschen Architektenhaus ein paar Kilometer von Essaouira entfernt, dem alten Mogador, an der marokkanischen Atlantikküste. Die Stadt ist in Mode. Aber die Pozzo di Borgo leben auf dem Land, weit weg von der Aufregung, am Ende eines steinigen Weges, den ortskundige Taxi-Fahrer nur sehr zögerlich benutzen. Hier, in diesem nach Eukalyptus, Jasmin und Rosmarin duftenden Garten hat der ehemalige Patron des Champagner-Hauses Pommery, der Erbe der Herzöge Pozzo di Borgo und der Marquis von Vogüé, zwei große Familien der französischen Aristokratie, endlich eine Zuflucht gefunden, mit Khadija und den beiden gemeinsamen Töchtern.

Im Jahr 1993, mit 42, ist Philippe mit seinem Gleitschirm abgestürzt, „zwischen dem grünen Gras und der Hölle“, wie er sagt. Der Gleitschirm war seine Droge geworden, ein Mittel, dem Alltag zu entfliehen und den Regeln der Schwerkraft zu trotzen und dem Krebs, der seit einem Jahrzehnt an seiner Frau Béatrice nagte. Ein falsches Manöver. Das Rückenmark wurde sehr weit oben durchtrennt, zwischen den Wirbeln C3 und C4. Drei Jahre später starb seine Frau.

Nach dem Unfall, im Dezember 1994, trat Abdel in Philippes Leben ein, ein Algerier in seinen Zwanzigern, der gerade aus dem Knast entlassen worden war. Im Film verkörpert ihn der eingangs erwähnte Omar Sy. Philippe nennt Abdel einen „Trampel“, 1,70 Meter hoch und ebenso breit, einer, der mehr haut als dass er spricht. „Wie im Film hat er nur auf meine Anzeige reagiert, um weiter sein Arbeitslosengeld zu kassieren. Dann meinte er, das spezielle Hotel im 7. Arrondissement von Paris sei ein Geldschrank, den man einfach knacken könne. Am Ende ist er zehn Jahre geblieben.“

„Anfangs“, erzählt Philippe Pozzo di Borgo, „konnte ich mich nicht bewegen, musste mich aber um meine kranke Frau und unsere beiden Kinder kümmern. Ich brauchte zwei Arme, die mich herumschleppten, ein Körper, der mir half.“ Die Freundschaftsgeschichte, die der Film erzählt, beginnt später. „Als meine Frau starb, ahnte Abdel, dass ich zusammenbrechen würde. Er nahm mich an der Hand, fuhr mich überall hin, nahm mich mit zu den Mädchen. Wir brausten mit dem Rolls-Royce davon, den er ohne Führerschein lenkte, um seine Freundinnen in seiner Siedlung zu besuchen. Er gab mir Gras zu rauchen und belästigte die Haus-Angestellten. Unser Leben, das ist dieser Film – und lauter andere, unbeschreibliche Geschichten.“ Abdel war aber auch anstrengend. Die Kult-Antwort des Films, „Keine Arme, keine Schokolade“, stammt nicht von ihm, aber sie hätte es sein können. Er hat dafür andere Witze gemacht, etwa diesen: „Weißt Du, wo man einen Querschnittsgelähmten findet? Da, wo man ihn abgestellt hat.“

Olivier Nakache und Éric Toledano, die zwei Regisseure, haben seit 2003 mit dem Gedanken gespielt, den Stoff zu verfilmen. Sie hatten eine Dokumentation von Mireille Dumas über Philippe und Abdel gesehen. Das Projekt reifte über die Jahre. Im August 2010 kamen sie mit François Cluzet und Omar Sy für ein Mittagessen nach Essaouira. Philippe Pozzo di Borgo kannte weder den einen noch den anderen. „Ich habe Omar gesagt, er solle sich neben mich setzen und mich füttern. François hat gegenüber Platz genommen und mich während des Essens beobachtet, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe mich unwohl gefühlt, er saugte mich förmlich aus. Als wäre er ein Vampir.“ Nach dem Mittagessen lud Philippe die Mannschaft in sein Zimmer ein, um „bei allem“ dabei zu sein: „An dem Tag hatte ich überall wundgelegte Stellen“, erinnert sich Philippe. „François ist zum Fenster gegangen. Ich glaube, das war ein Stück zu hart für ihn.“

Vor Toledano und Nakache gab es bereits Regisseure, die die Rechte an Philippe Pozzo di Borgos Buch „Le second souffle“ („Der zweite Atem“) haben wollten. „Es waren große Namen, aber ich wollte nichts Rührseliges, nichts Nettes. Ich wollte keine Neuauflage von ,Schmetterling und Taucherglocke‘. Das ist ein außergewöhnlicher Film, ohne Frage, aber so habe ich nicht überlebt.“ Von Nakache, Toledano und dem Produzenten Nicolas Duval verführt, gab Pozzo di Borgo grünes Licht für den Film – gegen fünf Prozent der Einnahmen für seinen Verein „Simon de Cyrène“, der Behinderte fördert und die Vorführung des Films in seinem Reha-Zentrum in der Bretagne. Seinem zweiten Zuhause. „Ich habe sofort gespürt, dass diese drei die richtigen sind. Sie trafen den Ton, waren zugleich sachbezogen und erfrischend frech. Wir würden mit ihnen auf jeden Fall nicht ins Pathos abdriften“, sagt Pozzo di Borgo.

Abdel lebt heute in Frankreich und in Algerien. Er hat eine Marokkanerin geheiratet und mit ihr drei Kinder. „Abdel und ich haben Marokko jahrelang durchpflügt, weil das Klima mir guttat“, sagt Philippe. Der ehemalige Vorstadt-Gangster hat inzwischen seinen eigenen Masthähnchenbetrieb mit 18 000 Tieren, 130 Kilometer südöstlich von Algier. „Er hat nichts gefordert für den Film. Das ist nicht sein Ding.“

Die beiden Männer sehen sich an Geburtstagen und treffen sich ab und an zum Essen in Essaouira: „Abdel setzt dann einfach alle ins Auto und fährt 1400 Kilometer, um einen Nachmittag hier zu verbringen“, erzählt Philippe. „Jahrelang hat er, der Straftäter, sich von den Bullen verfolgen lassen, heute setzt er die Hähnchen in Legebatterien.“ Um das so lustig zu finden wie Philippe Pozzo di Borgo, muss man nur wissen, dass die „Bullen“ in Frankreich „Hähnchen“ heißen, „poulets“.

Die Journalistin Marie-Christine Tabet, 46, arbeitet für den „Journal du Dimanche“ (JDD), die einzige französische Sonntagszeitung. Ihre Artikel erscheinen auch im renommierten „Le Figaro“. Dieser Text erschien am 13. November 2011 im JDD. Er wurde an einigen wenigen Stellen aktualisiert und/oder leicht verändert.

Übersetzung: Thierry Backes

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