"Zwei Tage, eine Nacht": Komisch und traurig zugleich

In „Zwei Tage, eine Nacht“ erzählen die Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne eine teils traurige, teils komische Parabel mit der charmanten Marion Cotillard.

Sozialkritische Filme sind nicht immer ein Genuss. Das liegt nicht an der Kritik an sich. Dialektisch formuliert und ohne den Schleier der Moral kann diese die verzweifelte Seele entlasten. Was den sozialkritischen Film oft so unerträglich macht, ist der anklagende Ton, die Betroffenheit und die heimliche Freude der Macher, sich am Schrecklichen zu weiden.

Jean-Pierre und Luc Dardenne haben Erfahrung mit harten Themen. In fast allen ihrer Filme porträtieren sie Menschen in Sphären jenseits des Bürgerlich-Abgesicherten. Da bildet „Zwei Tage, eine Nacht“ fast schon eine Ausnahme. Sandra (Marion Cotillard) und Manu (Fabrizio Rongione) leben nämlich in ganz normalen Verhältnissen. Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und arbeiten. Das heißt: Manu arbeitet, während Sandra, die scheinbar schwache und doch hinreißend starke Protagonistin, nach einer Depression wieder in den Produktionsprozess einsteigen will. Das aber ist nicht so einfach: Ihre Stelle soll eingespart werden. Darüber entscheiden letztlich die Kollegen. Stimmen sie gegen Sandra, erhalten sie eine jährliche Bonuszahlung. Stimmen sie für Sandra, gibt’s kein Geld. Nun ist es an der verzweifelten Frau, die Mitarbeiter auf ihre Seite zu bringen. Ein Wochenende hat sie Zeit, für sich zu werben.

Die Ausgangslage von „Zwei Tage, eine Nacht“ klingt schlicht, fast schon wie der Beginn eines Gleichnisses. Doch gelingt es den Dardennes, aus diesem Minimalstplot eine spannende Geschichte zu entwickeln – und das ohne jede Filmmusik (wir hören nur zweimal das Autoradio) und andere simple Methoden, Stimmung zu erzeugen. Die Faszination des Dramas speist sich aus Sandras erniedrigender Betteltour durch Kleinbürgerviertel und Hochhaussiedlungen. Damit erleidet sie kein Einzelschicksal. Vielmehr steht ihr Kampf um einen eher miesen Job für die erzwungene Anpassung aller Menschen an einen Apparat, der ihnen kalt gegenübersteht. Das Wunderbare an dieser abwechslungsreichen, teils traurigen, teils grotesk-komischen Parabel ist nicht nur Marion Cotillard, die der psychisch zerrütteten Sandra eine subtile Kraft verleiht. Auch überzeugt der Blick der Regisseure: Statt ihre Figuren ins Desaster laufen zu lassen – und den Zuschauer zu deprimieren, schlagen sie der allumfassenden Ohnmacht ein kleines, aber feines Schnippchen.

von Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Christine Plenus / Alamode Film

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