Slapstick, Schmalz und Schmäh bei "Im weißen Rössl"

Spielzeitauftakt im Deutschen Theater in Göttingen mit schrägem Singspiel

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Bestens aufgelegt: Ronny Thalmeyer (von links), Benjamin Krüger, Dorothée Neff, Benedikt Kauff, Roman Majewski, Katharina Uhland, Gaby Dey, Moritz Schulze, Christina Jung und Gerd Zinck in einer Tanzszene im Singspiel „Im weißen Rössl“.

Göttingen. Zum Spielzeitauftakt zeigt das Deutsche Theater in Göttingen das schräge Singspiel „Im weißen Rössl".

Die Idylle muss erst hergestellt werden. Auf nackter Bühne fängt das Singspiel „Im weißen Rössl“ am Deutschen Theater in Göttingen an – es werden Scheinwerfer montiert, dann erst wird der Bühnenprospekt emporgezogen, auf dem aufgemalte Berggipfel, Almwiesen und der Wolfgangsee schönste Österreich-Klischees aufleben lassen. Schließlich wird die titelgebende Gastwirtschaft von den Darstellern auf die Bühne gerollt, ein spielzeugniedliches Häuslein mit Geranienkästen. Später werden Regenwolken an dicken Seilen herabgekurbelt – bewusst zweidimensional, wie aus dem Bilderbuch ausgeschnitten.

Regisseur Tobias Bonn und Bühnenbildner Stephan Prattes haben einen überzeugenden Weg gefunden, mit der Überzuckerungsgefahr des Alpen-Singspiels von Ralph Benatzky umzugehen, in dem es herzergreifend heißt: „Die ganze Welt ist himmelblau.“ Souverän bedienen Regieteam und gut aufgelegte Darstellerriege zum viel beklatschten Spielzeitauftakt am Samstag im ausverkauften Theater exakt das widersprüchliche Bedürfnis nach Heiler-Welt-Seligkeit und zugleich nach deren abgeklärter Brechung.

Tobias Bonn hatte schon 1994 mit der Musikkabarett-Truppe Geschwister Pfister in Berlin das Musical auf die Bühne gebracht – und dafür eine Fassung erstellt, die wieder näher am Original von 1930 ist als der aufgerüschte Operettenfilm von 1960 mit Peter Alexander. Unter musikalischer Leitung von Michael Frei zelebriert dann auch das „Salz-Kammerorchester“ den Revuecharakter des Stücks –leichtfüßig, klanglich schlank und mit rasanten musikalischen Genrewechseln zwischen Walzer, Swing und schwülstiger Rumba. Dennoch hätten der Inszenierung im zweiten Teil mehr Tempo und insgesamt mehr Schwung gutgetan.

Die neuen Ensemblemitglieder Dorothée Neff und Christina Jung geben die verliebten jungen Rössl-Gäste Ottilie und Klärchen mit Charme und großem Schnuckeligkeitsfaktor, Neuzugang Roman Majewski heimste den meisten Applaus ein in der Hauptrolle als Zahlkellner Leopold („Aber meine Herrschaften“), der unrettbar in seine Chefin, Wirtin Josepha (gewohnt souverän: Katharina Uhland), verknallt ist. Mit Grandezza und Pathos, Schmäh und Schmalztolle meistert er Slapsticknummern ebenso wie das große Gefühl – bei tollem Gesang. Höhepunkt: das todkomische Abschieds-Duo mit Benedikt Kauff, der als Piccolo noch die kleinste Szene in ein Gagfeuerwerk verwandelt (Choreografien: Valenti Rocamora i Torà).

Ronny Thalmeyer bekam viel Szenenapplaus als Ur-Preuße Wilhelm Gieseke im Karoanzug (Kostüme: Heike Seidler), der sich seine notorisch schlechte Laune keinesfalls von alpenländischer Sommerfrische aufhellen lassen will. Benjamin Krüger ist ein geschmeidiger Rechtsanwalt Otto Siedler („Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“), Moritz Schulze mit fieser Glatze der Fabrikantensohn Sigismund Sülzheimer („Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“). Gaby Dey ist eine fesche Briefträgerin, Gerd Zinck der Sparfuchs und Bernd Kaftan der majestätische Gast Franz Joseph, der schließlich Ordnung in das Liebeswirrwarr bringt – natürlich bei einer Kaisersemmel.

Wieder 13., 21.9., Karten: 0551-496911. dt-goettingen.de

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