Nachruf

Omar Sharif war ein Wanderer zwischen den Welten

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Der ägyptische Schauspieler Omar Sharif.

Omar Sharif ist mit 83 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Als Sherif Ali im Film "Lawrence von Arabien" war er 1962 weltberühmt geworden. Er wird fehlen. Ein Nachruf.

Der Mann hatte zu viele Leidenschaften, das hat er selbst in seiner Autobiografie eingeräumt. Omar Sharif war dem Glücksspiel verfallen, den Frauen, dem Nikotin, dem Alkohol, generell dem Genuss des Augenblicks – vor allem aber dem Bridge, das er auf höchstem Niveau spielte. Ob die Schauspielerei seine Leidenschaft war, wusste der Mann mit der berühmtesten Zahnlücke der Kinogeschichte womöglich selbst nicht so genau. Obwohl er ein verteufelt guter Schauspieler war.

Aber seine erwähnten Leidenschaften, namentlich das Glücksspiel, haben ihn oft gezwungen, in ziemlich miesen Filmen aufzutreten, und das hat ihn selbst am meisten geärgert. Aber: Sharif hatte keine Wahl. Sein Leben lang musste er Spielschulden abstottern. „Ich habe immer gerade einen Film zu wenig gedreht, um aus den Schulden zu kommen“, hat er einmal sarkastisch kommentiert.

Dabei hatte seine Weltkarriere 1962 so verheißungsvoll begonnen wie wenige andere. In seiner Heimat Ägypten hatte er sich schon einen Namen gemacht, aber für den Rest der Welt war er ein unbeschriebenes Blatt, als er bereits mit der ersten Szene von „Lawrence von Arabien“ Sensationelles zeigte. Minutenlang ritt er da als Sherif Ali auf Filmpartner Peter O’Toole zu, erschoss dessen Weggefährten und erklärte dem schockierten Lawrence, in der Wüste wisse jeder, aus welchem Brunnen er trinken dürfe und aus welchem nicht. Erbarmungslos, aber vollkommen ruhig und mit irritierendem Charme sagte er das. Die Damenwelt schmolz dahin. Mit seiner wallenden Mähne, den Glutaugen und einer faszinierenden Aura des Geheimnisvollen riss er den Film an sich und wurde sofort für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert.

Drei Jahre später war die Welt endgültig im Sharif-Taumel: „Doktor Schiwago“ wurde einer der größten Kassenhits des Jahrzehnts, und Sharif hatte seinen Ruf als exotischer Frauenheld weg. Ein Kassenmagnet, der die US-Konkurrenz aus dem Feld schlug, als es 1969 darum ging, das Leben des eben ermordeten Revolutions-Popstars Che Guevara zu verfilmen – nur Sharif kam für die Rolle in Frage. Schließlich hatte er ja schon einen Russen, einen Deutschen und einen Mongolen gespielt. Man vertraute auf seine Anziehungskraft. Allein – Sharif hatte davon nicht viel. Produzent Sam Spiegel hatte dem Hollywood-Neuling einen Vertrag untergejubelt, der ihm zunächst nur 15.000 Dollar pro Film einbrachte. Für einen der größten Filmstars seiner Zeit natürlich ein Witz. Als Sharif das aufging, verzichtete er darauf, rückwirkend mehr Geld einzuklagen. Dafür war der Mann zu stolz. Stattdessen zockte er im Casino. Es begann sein zunächst unmerklicher, aber unaufhaltsamer Niedergang.

Am Ende fand sich Sharif gar in TV-Schmonzetten wieder, aber er trug es mit Fassung. Schauspielerei war die Einkommensquelle für seine wahren Leidenschaften. Dabei war er immer noch wunderbar, wenn man ihn spielen ließ, wie man bei seinem Comeback „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ 2003 sehen konnte.

Ob bewusst oder nicht griff dieser Film über die Freundschaft zwischen einem arabischen Ladenbesitzer und einem französischen Juden ganz nebenbei ein Lebensthema Sharifs auf. Denn der war, das wiederum sehr bewusst, ein Leben lang ein Wanderer zwischen den Welten und Kulturen. Seine innere Unabhängigkeit, seine Würde im Umgang mit den Widrigkeiten des Seins als Figur im Showgeschäft hing vielleicht damit zusammen. Sharif wurde 1932 in Alexandria als Sohn libanesischer Katholiken geboren und begeisterte sich schon als Jugendlicher für europäische Literatur. Da hieß er noch Michael Chalhoub und studierte Mathematik und Physik. Aber Schauspieler wollte er damals schon werden. Kaum landete er im Filmgeschäft, änderte er seinen Namen und konvertierte zum Islam. Nicht aus Religiosität – er blieb sein Leben lang Agnostiker – sondern aus Pragmatismus. Nur so konnte er seine muslimische Filmpartnerin Faten Hamama heiraten. Das sorgte damals für Aufregung in der arabischen Welt, aber Sharif beeindruckte das nicht. Hamama, die sich 1974 scheiden ließ, bezeichnete er später als einzige Liebe seines Lebens. Alle anderen Frauen – und es sollen einige gewesen sein – waren Affären. Als Sharif 1968 auf dem Höhepunkt des Nahostkonflikts in „Funny Girl“ den Ehemann der Jüdin Barbra Streisand spielte, war die Empörung vor allem bei seinen ägyptischen Landsleuten groß. Und wieder ließ es Sharif kalt. „Die Juden glauben, nur sie kommen in das Paradies. Die Christen glauben, nur sie kommen in das Paradies. Und die Moslems glauben, nur sie kommen in das Paradies. Was ist denn das für ein Unfug!“, lautete sein Diktum.

Bequem war er nie, und selbst, wenn er einmal ausrastete, hatte das immer noch Stil. Zum Beispiel als er den Journalisten Moritz von Uslar beschimpfte, weil er dessen Interviewfragen dämlich fand. Etwa zur selben Zeit wies er George W. Bush unverblümt darauf hin, dass er sich im Irak eine blutige Nase holen werde. In den USA fand das nicht jeder lustig, ebenso wenig wie die Schlägerei mit einem Parkwächter, der sich weigerte, Euro als Trinkgeld zu akzeptieren, sondern auf Dollar bestand. Und in Frankreich versetzte Sharif einem Polizisten einen Kopfstoß, damals war er bereits deutlich im Rentenalter. „Ach, jeder Franzose träumt davon, einen Polizisten zu schlagen“, kommentierte Sharif die Schlagzeilen. Dieses Jahr wurde bekannt, dass Omar Sharif an Alzheimer leidet, nun ist er im Alter von 83 Jahren in seiner Heimat gestorben. Er wird fehlen.

Zoran Gojic

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