Erste Schritte in den Job: Berufsorientierungs-Projekt für Flüchtlinge

Einblick ins deutsche Arbeitsleben: Der afghanische Flüchtlinge Ahmad Parwiz Waseq hat in der IT-Abteilung im Rathaus ein Praktikum gemacht. Hier untersucht er mit dem städtischen Mitarbeiter Matthias Mogge einen defekten Computer. Fotos: Rudolph

Kassel. Welcher Beruf ist etwas für mich? Eine Antwort darauf sollen junge Flüchtlinge leichter finden, wenn sie an einem Projekt der Stadt Kassel teilgenommen haben.

„Betriebssystem" - das schwierige deutsche Wort kommt Ahmad Parwiz Waseq schon ganz gut über die Lippen. Der 30-jährige Afghane hat drei Wochen Praktikum in der IT-Abteilung im Kasseler Rathaus hinter sich. „Computer-Doktor" erklärt der junge Mann aus Kundus, der aus einer Medizinerfamilie stammt, und lacht. Er ist einer von 30 Teilnehmern eines Projekts zur Berufsorientierung von Flüchtlingen, das die Kommunale Arbeitsförderung der Stadt Kassel erstmals angeboten hat.

Drei Monate lang haben die Flüchtlinge vormittags einen Sprach- und Orientierungskurs besucht, nachmittags erwarben sie berufliche Grundkenntnisse in den Bereichen Lager/Logistik oder Hauswirtschaft/Gastronomie. „Wir gehen davon aus, dass es in diesen Bereichen niedrigschwellige Arbeitsplätze gibt, die für Flüchtlinge eine Chance bieten“, sagt Peter Strotmann, Abteilungsleiter der Kommunalen Arbeitsförderung des Sozialamts.

Schweinefleisch als Hindernis

Ziel des Projekts sei, Flüchtlinge mit betrieblichen Strukturen in Deutschland vertraut zu machen und ihnen erste Einblicke ins Arbeitsleben zu verschaffen. Der Großteil der Teilnehmer - darunter drei Frauen - habe eine hohe Motivation gezeigt, berichtet Strotmann. 25 hätten den Qualifizierungskurs abgeschlossen, 18 davon habe man im letzten Monat in betriebliche Praktika vermitteln können.

Dabei galt es auch Besonderheiten zu berücksichtigen: Einige Muslime, die in Küchen mithelfen durften, baten darum, nicht mit Schweinefleisch hantieren zu müssen. „Da muss dann für beide Seiten praktikable Lösungen finden“, sagt Strotmann.

Gabelstapler als Alternative

Ahmad Parwiz Waseq legte in dem Kurs zunächst einen Gabelstapler-Schein ab. So will der 30-Jährige, der aus seiner Heimat Hochschulabschlüsse im Bereich Finanzmangement und IT mitbringt, ein zweites Standbein für den beruflichen Neuanfang in Deutschland schaffen. Seiner eigentlichen Qualifikation kam das anschließende Praktikum in der IT-Abteilung der Stadt Kassel näher.

In Afghanistan hat Waseq mehrere Jahre im Bereich IT und Finanzen für ein Projekt der deutschen Förderbank KfW gearbeitet. Dabei half beim Aufbau von Krankenhäusern in der Region um Kundus. Weil die Taliban ihn deshalb mit dem Tode bedrohten, flüchtete er Ende vergangenen Jahres nach Deutschland. Seine Frau und seinen kleinen Sohn ließ er zurück, die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer habe er ihnen nicht zumuten wollen, erzählt der Familienvater.

Jetzt wohnt er zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer kleinen Gemeinschaftsunterkunft in der Innenstadt. Auch sein Mitbewohner, ein Syrer, hat an dem städtischen Projekt teilgenommen. Er hat nun einen Ausbildungsplatz in einer Kfz-Werkstatt in Aussicht. Mit ihm büffele er inzwischen in Eigenregie jeden Tag Deutsch, berichtet Waseq. Sie wollen so schnell wie möglich fit für den deutschen Arbeitsmarkt sein. (rud)

Hintergrund

Das Projekt „Bond“ (Basisqualifizierung und Orientierung im niedrigschwelligen Dienstleistungsbereich) richtet sich an Flüchtlinge im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Die Kommunale Arbeitsförderung hat das Programm in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule (Sprach- und Orientierungkurs) sowie dem Bildungszentrum Grone und dem BFZ Kassel (beruflihe Einstiegsqualifizerung) umgesetzt. Der erste Durchlauf, der von April bis Ende Juli lief, hat nach Angaben der Stadt 65 000 Euro gekostet und wurde überwiegend aus Landesmitteln finanziert. Ein zweiter Kurs .- möglicherweise mit Schwerpunkt im Bereich Handwerk - ist in Planung und soll nach den Sommerferien beginnen. (rud)

Kontakt: Kommunale Arbeitsförderung, Tel. 0561/787-58 01 und -58 13

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