Interview mit Hans Werner Patzki

Erstaufnahme in Niederzwehren: Regelbrüche werden nicht geduldet

Kassels größte und bald einzige Erstaufnahme für Flüchtlinge: In der Unterkunft an der Frankfurter Straße ziehen heute Flüchtlinge ein, die vorher auf der Marbachshöhe untergebracht waren. In dem ehemaligen Bereitschaftspolizei-Gebäude an der Frankfurter Straße sind damit jetzt fast 300 Menschen untergebracht. Foto: Rudolph

Kassel. Die Erstaufnahme für Flüchtlinge in Niederzwehren ist als einzige in Kassel in Betrieb, nachdem die beiden anderen jetzt geschlossen wurden. Wir haben mit dem Leiter über Konflikte, Streit und die Stimmung gesprochen.

In seinem Büro hängt ein traditioneller Umhang aus Afghanistan von einem Bundeswehreinsatz am Hindukusch. Auf dem Tisch liegt ein Buch „Syrien verstehen“. Hans Werner Patzki, Oberst a.D., leitet seit einem halben Jahr die Erstaufnahme in Niederzwehren.

Herr Patzki, mit der Schließung der anderen Erstaufnahmen wird es bei Ihnen voller. Bis zu 600 Flüchtlinge passen in das Haus. Steigt mit zunehmender Belegung das Risiko für Konflikte?

Hans Werner Patzki: Nein, das hat eher damit zu tun, ob Familien oder alleinreisende Männer kommen. Familien kümmern sich um ihre Kinder und sind mit sich beschäftigt. Sie hoffen vor allem, dass ihre Kinder es hier einmal besser haben werden. Alleinstehende Männer müssen für niemanden Verantwortung übernehmen, mit ihnen gibt es eher mal Probleme. Manche von ihnen schlagen sich öfter mal die Nacht außerhalb der Unterkunft um die Ohren.

Wie ist die Stimmung?

Patzki: Eigentlich gut. Eine Zeit lang war es angespannt. Es gab Neid, wenn einige Bewohnergruppen in den Transfer in die Zweitunterkunft in Kommunen kamen. Da fühlten sich andere benachteiligt, weil sie die Vorstellung hatten, nach der Verlegung gäbe es ein Einzelzimmer oder eine Wohnung. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es in kommunalen Unterkünften nicht unbedingt besser ist als hier in der Erstaufnahme.

Woran entzünden sich Konflikte?

Patzki: Meist handelt es sich um kulturelle Konflikte. Ein Beispiel: Da geraten zwei Frauen wegen einer Kleinigkeit in der Waschküche in Streit - eine mit und eine ohne Kopftuch. Dann sagt die eine zur anderen ohne Kopftuch, sie verletze die Tradition. Irgendwann schalten sich die Männer ein und es schaukelt sich hoch. Oftmals steht ein anderes Ehrgefühl hinter solchen Streits, das für uns schwer nachvollziehbar ist. Es gelingt aber recht gut, solche Streits zu schlichten. Die Leute wissen, dass sie zu mir kommen können.

Kommt es häufig zwischen bestimmten Nationen zu Streit?

Patzki: Das ist von Personen und nicht von Nationalitäten abhängig. Die meisten Bewohner sind völlig unproblematisch. Das sind keine zehn von über 200, die manchmal Schwierigkeiten machen. Allerdings ist es schon so, dass Ethnien oder Gruppen, die im Heimatland Konflikte miteinander haben, schneller in Streit miteinander geraten. Jesiden fühlen sich beispielsweise gegenüber Arabern schneller benachteiligt. Die Probleme aus dem Herkunftsland kommen immer wieder hoch, aber auf deutlich niedrigerem Niveau. Wenn die Leute sich auf dem Flur begegnen, ist das kein Problem, aber wenn es einen Anlass für Streit gibt, springt der Zündfunke schneller über.

Berücksichtigen Sie das bei der Zimmerverteilung?

Patzki: Unbedingt. Einen Syrer, der vor den Aufständischen geflohen ist, und einen, der unter den Regierungstruppen gelitten hat, sollte man nicht zusammenstecken. Das ist eine Art von Prävention. Bei der Ankunft unterhalte ich mich mit jedem Bewohner. Bei den Afghanen erfrage ich zum Beispiel, ob sie der Volksgruppe der Hasara, der Usbeken oder Paschtunen angehören. Man muss das Konfliktpotenzial ja nicht noch verschärfen.

Zuletzt machten Übergriffe auf Christen in Flüchtlingsheimen Schlagzeilen. Gibt es bei Ihnen Konflikte zwischen Muslimen und Christen?

Patzki: Das gab es noch nie, nicht einmal im Ansatz. Ein Bewohner, der Christ ist, hat zwar einmal berichtet, er sei in der Straßenbahn von Muslimen angepöbelt worden, die ihm das Kreuz wegreißen wollten. Aber das waren fremde Leute außerhalb der Unterkunft.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Asylbewerbern aus Algerien?

Patzki: Wir haben derzeit 13 Bewohner aus Nordafrika, alles alleinreisende junge Männer. Einige waren vorher schon illegal in Deutschland, Frankreich oder sonstwo in Europa und haben sich mit der Flüchtlingswelle als Asylbewerber gemeldet. Unter ihnen gibt es ein hohes Potenzial für Kleinkriminalität. Das liegt nicht an der Herkunft, sondern daran, dass sie sich schon in der Illegalität mit Diebstählen über Wasser gehalten haben. Einige frühere Bewohner nordafrikanischer Herkunft, die sich nicht anpassen konnten oder wollten sitzen inzwischen in U-Haft.

Gibt es mit dieser Gruppe auch Probleme in der Unterkunft?

Patzki: Anfangs war das so. Es gab sogar einige Angriffe auf Sicherheitspersonal – da ging es dann zum Beispiel um Streit wegen des Rauchverbots auf dem Zimmer. Das ist jetzt besser. Wir haben konsequent Regelbrüche nicht geduldet und die Bewohner zum Beispiel des Zimmers verwiesen, wenn geraucht wurde. Nadelstiche nur, aber auf die Dauer eben ungemütlich. Die meisten haben verstanden, dass sie sich nur selbst das Leben schwer machen, wenn sie Stunk suchen. Gerade gestern gab es aber nochmal etwas Ärger ...

Was war da los?

Patzki: Seit einiger Zeit geben wir beim Essen nur noch ein Brötchen in der ersten Runde aus, weil wir so viele Essensabfälle hatten. Jeder kann sich aber nachholen, bis er satt ist. Das passte einigen großen kräftigen Männern nicht. Sie haben protestiert und Mitarbeitern gedroht. Als ich einem Vernünftigen aus der Gruppe den Hintergrund erklärt habe, hat er es eingesehen und auch seine Mitstreiter besänftigt.

Was unternehmen Sie, um das friedliche Zusammenleben zu fördern?

Patzki: Die Bewohner dürfen den Sportplatz Niederzwehren nutzen, außerdem haben wir Yogakurse, Trommeln und Gewichte zum Trainieren. Es gibt Nähkurse, für die wir übrigens noch Nähmaschinen brauchen. Außerdem Kinderbetreuung, Deutschunterricht und Rechtsstaatkurse. Die Integration beginnt hier – auch wenn die Menschen nicht dauerhaft bleiben. Es ist wichtig, dass sie sich von Anfang an einbringen können und unsere Werte und Bräuche kennenlernen.

Platz für bis zu 600 Bewohner

Die Erstaufnahme Niederzwehren ist seit Ende Dezember in Betrieb. In dem ehemaligen Gebäude der Bereitschaftspolizei ist Platz für bis zu 600 Bewohner. Aktuell sind 288 Asylbewerber aus 13 Nationen dort untergebracht (inklusive der Neuzugänge aus der Erstaufnahme auf der Marbachshöhe). In der Erstaufnahme Niederzwehren, die von den Johannitern betrieben wird, sind im Schichtdienst über 100 Mitarbeiter tätig: Sozialbetreuer, Dolmetscher, Sicherheitsbedienstete, Personal des Regierungspräsidiums und Catering-Mitarbeiter. Auch rund 30 studentische Mitarbeiter engagieren sich. Freiwillige, die in den jetzt schließenden Unterkünften geholfen haben, sind willkommen in Niederzwehren. Kontakt für Ehrenamtliche: Petra Gaßmann, Tel. 0162/92 90 921, petra.gassmann@johanniter.de

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