Arzt mit NS-Vergangenheit: Dr.-Loderhose-Straße wird umbenannt

Hier steht bald „Zur Osterhöhe“: Unter dem Schild der Dr.-Loderhose-Straße in Frankenberg hängt nach wie vor ein Zusatzschild, auf dem Dr. August Loderhose als Internist und Lungenfacharzt gewürdigt wird. Foto:  Paulus

Frankenberg. Die Dr.-Loderhose-Straße in Frankenberg wird umbenannt. Sie soll zukünftig „Zur Osterhöhe" heißen. Das hat der Haupt- und Finanzausschuss des Stadtparlaments am Montagabend mit 6:1 Stimmen empfohlen.

Die endgültige Entscheidung trifft das Parlament am Donnerstag ab 19.30 Uhr im DGH Röddenau. Alles andere als eine Zustimmung wäre eine Überraschung.

Wie berichtet war Dr. August Loderhose (1908-1982) nicht nur Internist und Lungenfacharzt in Frankenberg, sondern - wie Forschungen der Medizinhistorikerin Dr. Christine Wolters (Uni Hannover) ergeben haben - im Nationalsozialismus Mitglied der Waffen-SS und im NS-Konzentrationslager Sachsenhausen beteiligt, als an Häftlingen Menschenversuche mit Tuberkulose vorgenommen wurden. Und ein SS-Feldgericht warf dem SS-Hauptsturmführer 1944 die Vergewaltigung einer Krankenschwester vor, die nach der Tat einen Selbstmordversuch unternahm.

„Es liegen Verwerfungen vor, die den Straßennamen nicht weiter rechtfertigen“, sagte Uwe Patzer (Grüne) als Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses. „Es geht hier nicht um die Leistung, die Loderhose als Arzt in Frankenberg erbracht hat.“ Es gehe auch nicht um eine juristische Wertung, sagte Volker Heß (SPD). „Wenn eine Straße nach einem Bürger benannt ist, ist das eine Ehrung. Wir müssen ein Zeichen setzen und die Straße umbenennen.“

Das sahen sechs der sieben Ausschussmitglieder so, auch wenn es sich um ein „sensibles Thema“ handele, wie Henning Scheele (Bürgerliste) zu bedenken gab. Einzig Thomas Müller (CDU) stimmte gegen die Umbenennung. „Ich kann keinerlei Beweise für Kriegsverbrechen oder ähnliches Erkennen, das sind nur Indizien“, sagte Müller.

Es ist das erste Mal in der jüngeren Geschichte des Landkreises, dass eine Straße umbenannt wird, weil dem Namensgeber Verfehlungen im Nationalsozialismus vorgeworfen werden. Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein HNA-Bericht vom 10. Oktober über die neuen Erkenntnisse zur NS-Vergangenheit Loderhoses. Danach gab es einen gemeinsamen Antrag aller Parlamentsfraktionen zur Umbenennung, der am 30. November im Haupt- und Finanzausschuss erstmals öffentlich diskutiert worden war.

Mehr über die Diskussion im Ausschuss und wie die Stadt den Bewohnern der Straße bei der Umstellung der Adresse helfen will, lesen Sie in der gedruckten Mittwochsausgabe der HNA Frankenberger Allgemeine.

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