Einsamkeit und Armut im Alter: 96-jährige Frankenbergerin erzählt

+
Kann ihre Wohnung nur selten verlassen: Die 96-Jährige aus Frankenberg erzählt von den Mühen, die sie hat, mit ihrer Rente auszukommen.

Frankenberg. Jedes Jahr findet in Frankenberg der Basar „Was alte Hände schaffen“ statt. Der Erlös geht an bedürftige Senioren in der Region. Wir haben eine Empfängerin besucht.

Ihre Wohnung verlässt Erika Schuster* nur noch selten. Die steile Treppe vor dem Haus ist zu einem fast unüberwindbaren Hindernis geworden. Denn seit einem Unfall sitzt die 96-Jährige im Rollstuhl. „Wenn ich etwa zum Arzt will, dann muss mich wer tragen“, sagt sie und dann gleitet ihr Blick zu Boden. „Das ist mir schon etwas peinlich“. Selbst der Blick auf die Straße gestaltet sich schwierig: Die Fenster des Altbaus sind sehr hoch, einen Balkon gibt es nicht.

Umziehen will die alte Dame aber nicht. „Wir haben uns mal erkundigt, was Betreutes Wohnen kosten würde“, sagt Schuster, „das kann ich mir aber nicht leisten“. Auch ins Altersheim möchte sie nicht. Da war sie zur Kurzzeitpflege und man habe sie dort gut gepflegt, aber auf Dauer sei das nichts. Es fehle am Vertrauten und es sei ihr auch zu anstrengend mit all den anderen alten und oft kranken Menschen.

So bleibt sie weiter in ihrer günstigen, wenn auch nicht besonders komfortablen Wohnung. Haushaltsaufgaben wie Einkaufen, Putzen und Waschen übernimmt ihre Nichte. Zwei bis dreimal die Woche bekommt Schuster „Essen auf Rädern“. „Öfters geht das nicht“, sagt sie.

Die Seniorin lebt von einer Rente von etwa 900 Euro. Die Grundsicherung im Alter bekommt sie damit nicht. Schuster mag nicht klagen, aber manchmal empfindet sie das schon als etwas wenig. Schließlich hat sie seit ihrem 15. Lebensjahr gearbeitet. Erst im Sudetenland und nach dem Krieg in der Verwaltung in Leipzig. Ihr Erwerbsleben endete, nachdem sie Anfang der 80er-Jahre nach Frankenberg kam, um ihrer Familie näher zu sein. Hier hätte es mit der Arbeitssuche auch aus gesundheitlichen Gründen nicht geklappt.

Von der Rente bezahlt die Hochbetagte Miete und Lebensmittel, aber auch teure Alltagsdinge. Ein Paar Spezialschuhe etwa oder der Besuch des Friseurs zu Hause. Große Sprünge aber sind nicht drin. Früher war sie eine begeisterte Reisende, besonders die See hatte es ihr angetan. „Da musste ich vorher viel sparen, aber ich habe es schon immer irgendwie geschafft“. Statt neuer Möbel oder Kleidung, legte sie Geld für die Reisen zurück. „Das geht nicht mehr. Aber ich habe ja viele Fotos“.

Manchmal ist die kinderlose Frau einsam. „Das ist in meinem Alter aber doch normal“. Etwas Wehmut schwingt aber doch mit, wenn sie davon erzählt, wie sie früher zum Seniorennachmittag gegangen ist oder sich mit ihren Freunden in der Gaststätte Vöhl in der Frankenberger Innenstadt getroffen hat. Von den Freunden lebt nur noch eine, aber die habe Probleme mit der Erinnerung.

„In meinem Alter muss man ja mit dem zufrieden sein, wie es ist“. Trotzdem hofft Schuster, wieder etwas mobiler zu werden. Sie bekommt Physiotherapie. Auch ihr Basar-Gutschein ist für Therapie oder Lymphdrainage gedacht.

*Erika Schuster heißt eigentlich anders. Aufgrund des Themas und des Wunsches der Seniorin haben wir uns entschieden, den Beitrag anonym zu verfassen. 

Hintergrund

Etwa 20 Leute erhalten pro Jahr im Durchschnitt einen Gutschein aus dem Erlös des Basar „Was alte Hände schaffen“, sagt DRK-Kreisaltenbetreuerin Elfriede Ramb. Das Geld wird nicht bar ausgezahlt, sondern als Gutschein im Gegenwert von 80 bis 100 Euro. Etwa für die Apotheke, den Schuhladen oder die Physiotherapie. Die Nachfrage nach solchen Hilfen ist in den vergangenen Jahren laut Ramb gestiegen. Insbesondere verwitwete Frauen hätten oft Probleme, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.