Requiem in Frankenberg - Beisetzung in Wien

"Grande Dame" der Möbelbranche: „Joy“ Thonet starb mit 96 Jahren

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Jolantha „Joy“ Thonet: Zwischen Büchern, Bildern und Erinnerungen an eine große Familientradition, darunter auch ein Portrait des Großvaters ihres Mannes, Jakob Thonet, verstarb sie im Alter von 96 Jahren.

Frankenberg. Bis zuletzt strahlte sie Charme, Herzenswärme und die vornehme Würde einer bis ins hohe Alter den Menschen zugewandten Lebensführung aus.

Jetzt ist Jolantha „Joy" Thonet, die „Grande Dame" des ersten und derzeit noch einzigen, weltweit operierenden Thonet-Unternehmens in Deutschland, im Alter von 96 Jahren gestorben.

Joy Thonet verkörperte die Traditionsgeschichte alter Wiener Möbelbaukunst. Gemeinsam mit ihrem vor elf Jahren verstorbenen Ehemann Georg Thonet hat sie das Werk mit zeitweilig 500 Mitarbeitern begleitet, nach dem Krieg neu aufgebaut und ihren Söhnen übergeben.

Mit Humor und sorgendem Interesse stand sie an der Spitze der in Europa lebenden Thonet-Familienmitglieder, die sie regelmäßig zu Jahrestreffen einlud. Sie freute sich besonders darüber, dass ihre Söhne Claus, Peter und Philipp in Frankenberg in enger Freundschaft im Sinne des Vaters das Werk und die Marke Thonet weiter entwickelt haben.

Ihren Rufnamen „Joy“ verdankte sie ihrer englischen Großmutter, bei der sie nach dem frühen Tod des Vaters zeitweilig mit ihrer Mutter in Frankfurt lebte. Am 18. Januar 1920 wurde sie als Jolantha Momberger in Freiburg geboren, später besuchte sie die Elisabethenschule in Frankfurt. Im Februar 1942 schloss sie in Wien mit Georg Thonet den Bund der Ehe, bevor er ein knappes Jahr später zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Es folgten harte Nachkriegsjahre in Frankenberg. Im März 1945 erlebte Joy Thonet als Augenzeugin die Totalzerstörung ihres Werkes mit, viele Mitarbeiter kamen beim Bombenangriff ums Leben. Im Juni dieses Jahres gedachte sie ihrer noch einmal bei einem Zeitzeugeninterview mit der HNA auf dem Frankenberger Ehrenfriedhof. Nach Rückkehr aus der Gefangenschaft begann ihr Mann Georg unter schwierigsten Bedingungen den Wiederaufbau des Frankenberger Werks. In den folgenden Jahrzehnten wurde aus der ehemals kleinen Fabrik für Bugholz- und Stahlrohrmöbel die größte Thonet-Produktionsstätte.

Mit der Thonet-Fabrik kamen 1889 die ersten katholischen Arbeiterfamilien nach Frankenberg, Heimatvertriebene folgten 1946.

In den 1960er-Jahren setzte sich die gläubige Katholikin Joy Thonet maßgeblich für den Bau einer neuen katholischen Kirche ein. Sie war im hohen Lebensalter glücklich, dass Deutschordenspriester die Frankenberger Region geistlich betreuen, denn ihr verstorbener Mann war Mitglied des Deutschen Ordens seit 1965. Sie selbst unterstützte als „Familiare“ (Laienmitglied) den Orden auf vielfältige Weise. Mit dem Herzen war sie „immer auch ein bisschen in Rom“, wie sie bei ihrem 95. Geburtstag sagte.

Das Requiem, die heilige Messe für die Verstorbene, findet am Freitag, 11. November, um 15 Uhr in der Katholischen Kirche in Frankenberg statt. Die Beisetzung ist am 18. November in Wien. Dort wurde auch ihr Ehemann Georg 2005 in der Familiengruft der Thonet-Vorfahren beigesetzt.

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