Vor 70 Jahren: Luftangriffe auf Frankenberg – 95 kamen ums Leben

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Bombenangriff am 12. März 1945: Nur eine Wand des Kesselhauses und der Schornstein blieben von der Thonet-Fabrik stehen. Eigentlich galt der Angriff der US-Air Force dem Bahnknotenpunkt, doch dessen Geleise konnten bereits nach wenigen Tagen repariert werden.

Frankenberg. Die Sirenen heulten am Montag, 12. März 1945, am hellen Tag gegen 16 Uhr.  Mit großer Gewalt holte der Zweite Weltkrieg fernab von den bereits zerbombten Großstädten nun auch das scheinbar abgelegene und unbedeutende Städtchen Frankenberg ein.

Dort wurden an diesem Tag 80 Menschen im Bereich des Bahnhofs und der Firma Thonet im Bombenhagel getötet.

Adam Westerweller: Der Bottendorfer kam beim Bombenangriff im Thonet-Werk um.

Man hatte sich bisher in Frankenberg, von ein paar Tieffliegerangriffen abgesehen, relativ sicher gefühlt: Fernab von dem 1943 durch Bomben zerstörten Kassel fanden aufs Land geschickte Schülerinnen der Kasseler Luisenschule im Hessischen Hof (Röddenauer Straße) Geborgenheit, in der Siegener Straße warteten Verwundete in einer zum Hilfslazarett umfunktionierten Reichsarbeitsdienst-Baracke auf ihre Genesung, nur wenige arbeitsfähige Männer hielten den Bahnbetrieb aufrecht, und in der Fabrik der Gebrüder Thonet stellten vorwiegend ältere Männer, hilfsverpflichtete Frauen und gefangene russische Offiziere Liegestühle für Kriegsversehrte aus einfachen Holzlatten her.

Eigentlich also keine kriegswichtigen Ziele für Bomben –wären da nicht die regelmäßigen Rüstungstransporte auf dieser noch intakten Bahn-Nebenstrecke zwischen Thüringen und dem Ruhrgebiet gewesen. Hier rollten bis zum Schluss auch die V-2-Raketen aus der KZ-Produktionsstätte Mittelbau-Dora über Allendorf-Eder nach Dillenburg, dessen Bahnhof ebenfalls am 12. März Angriffsziel wurde.

Maschinen der 391. und 409. US-Bombergruppe starteten von Asch (Belgien) und Laon (Frankreich) nach Frankenberg und Dillenburg. Jedes der 70 Flugzeuge, die Frankenberg angriffen, trug eine Bombenlast von etwa 1800 Kilogramm an Bord. Zahlreiche Wohngebäude im Bereich Friedrichstraße, Marburger Straße, Siegener Straße und Röddenauer Straße wurden zerstört, verschiedene Dachgeschosse brannten aus.

Weiterhin befanden sich an der Michael-Thonet-Straße und im Bahnhofsgelände an der Friedrichstraße Barackenlager für Ostarbeiter sowie sowjetische Kriegsgefangene, die ebenfalls restlos vernichtet wurden.

Weil die Bahngleise innerhalb eines Tages wieder repariert werden konnten, kam es am 17. März zu einem zweiten Angriff auf Frankenberg. Er kostete noch einmal mindestens 15 Personen das Leben.

Mit unverantwortlichen Lügenparolen hatten die NS-Politiker den Deutschen eingehämmert, es gehe noch um den „Endsieg“, man habe nur die Wahl zwischen „Sieg oder Untergang“. Auch im Waldecker und Frankenberger Land gab es im März 1945 noch Menschen, die taumelnd an den Endsieg glaubten. Aber in Wirklichkeit waren Hitler und seine Gehilfen offensichtlich bereit, das Bild vom „Untergang“ als reale Katastrophe, als Mythos vom heldenhaften Untergang der Besiegten zu inszenieren. Und so kamen allein in der Zeit zwischen Juli 1944 und der Kapitulation am 8. Mai 1945 noch einmal mehr Deutsche ums Leben als in den fünf Kriegsjahren davor – monatlich etwa 300.000 bis 400.000 Menschen, Soldaten wie Zivilisten. Mehrere der 95 im Bombenhagel auf Frankenberg getöteten Opfer wurden nie aufgefunden.

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Von Karl-Hermann Völker

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