16-Jährige studiert auch an Musikhochschule

Hatzfelderin spielt die fast vergessene Schlüsselfidel

Nachwuchstalent:Angela Ambrosini musiziert bereits ihr ganzes Leben. 

Hatzfeld. Sie hat ein Orchester im Kopf: Die erst 16-jährige Angela Ambrosini spielt die extrem seltene Schlüsselfidel. Außerdem studiert die Schülerin bereits an einer Musikhochschule.

Zwischen Bauernhöfen und einer Imkerei, in unmittelbarer Nähe zum Waldrand, liegt in Hatzfeld-Eifa eine kleine musikalische Oase. Dort lebt Angela Ambrosini. Die 16-Jährige spielt eines der vielleicht ungewöhnlichsten Musikinstrumente, die es gibt: die Schlüsselfidel. Seit kurzem ist sie an der Musikhochschule Leipzig als Jungstudentin eingeschrieben, parallel besucht sie die elfte Klasse der Edertalschule in Frankenberg.

Angela Ambrosini wurde die Kunst mit in die Wiege gelegt. Die Mutter Schauspielerin, der Vater Geiger und Musikdozent. „Schon mit fünf Jahren hat Angela völlig unaufgeregt vor Publikum Blockflöte gespielt“, erzählt Marco Ambrosini. Etwa zu dieser Zeit kam Tochter Angela auch zum ersten Mal mit der Schlüsselfidel in Berührung - ihr Vater hatte dem Instrument zuvor neues Leben eingehaucht. Ende der 1950er-Jahre war das traditionelle schwedische Instrument beinahe vergessen, nur noch wenige Musiker in Schweden beherrschten das Spiel. Ambrosini stieß in den 80er-Jahren durch Zufall auf das Streichinstrument. Er war einer der Ersten, die anfingen, darauf alles zu spielen, von barocker und klassischer Musik bis hin zum Jazz.

Vater Marco Ambrosini 

Heute musizieren Vater und Tochter zusammen. Hört man ihnen zu, klingt es, als würde ein ganzes Kirchenorchester in der kleinen Küche in Eifa spielen. „Beim Spielen spürt man die Vibrationen des Instruments am ganzen Körper“, sagt Angela Ambrosini. Der Klang ist wärmer als der einer Geige. Die Dynamik, die die Ambrosinis mit nur zwei Instrumenten erzeugen, reißt sofort mit.

Seit Anfang Oktober ist Angela Ambrosini Jungstudentin an der Leipziger Musikhochschule. Dreimal im Monat erhält sie dort Einzelunterricht, ein bis zwei Stunden lang. Dafür nimmt sie insgesamt 14 Stunden im Zug in Kauf. „Solange mein Kopf noch jung ist, will ich so viel mitnehmen wie möglich“, sagt sie pragmatisch zu der Belastung.

Der Leiter des Schulorchesters an der Edertalschule, Markus Wagener, habe sich für sie stark gemacht. Freunde helfen ihr, den verpassten Stoff aufzuholen, „denn ohne diese Hilfe könnte ich das nicht meistern“, sagt Ambrosini. Seit 2011 fährt sie für rund 20 Tage im Jahr nach Italien an eine Musikschule, die ein spezielles Programm für die Schlüsselfidel anbietet.

Zum Entspannen liest die Schülerin viel, „alles, was ich in die Finger bekomme“. Bei ausgedehnten Waldspaziergängen erholt sie sich vom turbulenten Alltag. Musik hört die Teenagerin dagegen weniger: „Nur zuzuhören befriedigt mich nicht, ich will selber spielen. Außerdem habe ich sowieso schon ein Orchester im Kopf“, sagt die Vollblutmusikerin. Eine weitere Leidenschaft ist das Zeichnen, dabei kann sie sich besonders an den sichtbaren Ergebnisse erfreuen - anders als bei der Musik, die wieder verhallt.

Hintergrund:

„Die Geschichte über die Entstehung der Schlüsselfidel ist bis heute weitestgehend unbekannt“, sagt Marco Ambrosini. Das erste Steinrelief stammt aus dem 14. Jahrhundert in Schweden, wo das Instrument Nyckelharpa genannt wird. Später gab es auch Schlüsselfideln in Dänemark, Deutschland, Österreich und Italien. Wie sie dorthin gelangten, sei bis heute nicht klar, so Ambrosini. Er und seine Tochter spielen Instrumente mit 16 Saiten. Davon werden nur vier gestrichen oder gezupft. Die übrigen sogenannten Resonanzsaiten schwingen ausschließlich mit und er zeugen so eine große Klangtiefe. Die Schlüsselfidel hat, je nach Bauweise, 40 bis 60 Tasten, die die Tonhöhe der vier Hauptsaiten bestimmen. Musikbildungsstätten, die sich auf die Schlüsselfidel spezialisiert haben, finden sich in Tobo (Schweden), in der Burg Fürsteneck (bei Bad Hersfeld) und in Forlimpopoli (Italien).

www.angelaambrosini.eu

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