Interview mit Expertin für Trachten: "Oktoberfeste sind Mottopartys"

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Stolze Trachtenträgerin: Angela Paulus in einer alten Form der evangelischen Marburger Tracht von circa 1900.

Frankenberger Land. Angela Paulus ist stolze Trachtenträgerin und aktiv in der Traditionspflege. Wir haben sie gefragt, was sie von den vielen Oktoberfesten in der Region hält.

Frau Paulus, waren Sie schon mal in München auf dem Oktoberfest? 

Angela Paulus: Ich war bisher noch nie auf dem Oktoberfest. Es ist aber auf jeden Fall in meiner Planung, dort einmal teilzunehmen. Dann aber mit meiner Gruppe und mit einer Teilnahme im Festzug.

Im Dirndl? 

Paulus: Ich werde dann auf jeden Fall in meiner Tracht teilnehmen, der evangelischen Marburger Tracht.

Dirndl und Lederhose sind derzeit auch bei uns in der Region im Trend bei den jungen Leuten. Für die alten Trachten, die auch noch in Kleiderschränken im Frankenberger Land hängen, interessiert sich aber kaum noch jemand. Wie kann man das erklären? 

Paulus: Zunächst einmal muss man differenzieren, dass ein Dirndl keine Tracht ist. Das Dirndl, wie es heute getragen wird, ist eine Entwicklung aus den 1930ern, um für die deutsche Frau ein einheitliches Bild zu prägen. Die Vorlage kommt aus der bayrischen Trachtenlandschaft, aber es ist keine Tracht im herkömmlichen Sinne. Die Tracht spiegelt immer die Kultur eines abgegrenzten Gebietes wider.

Die Dirndl-Bewegung mit der ausgelassenen Oktoberfeststimmung ist auch durch die Medien stark geprägt: Sie zeigen uns Promis in Landhauskleidung beim Oktoberfest in München. Sie dienen oftmals als Vorbilder und gaukeln uns ein verlorengegangenes Heimatbewusstsein vor.

Wieso ist das Image der eigenen Trachten im Vergleich zu den fremden aus Bayern so schlecht? 

Paulus: Ich glaube gar nicht, dass das Image unserer Trachten so schlecht ist. Viele wissen nur nicht mehr, welche Tracht in der eigenen Region getragen wurde. Das Erscheinungsbild der Trachtenfrauen im alltäglichen Leben wird immer dünner, die wenigen noch lebenden authentischen Trachtenfrauen sind meist weit jenseits der 85 Jahre. Es dauert nicht mehr lange und auch im Marburger Land und in der Schwalm wird es keine Trachtenfrau mehr geben.

Bayern hat schon immer eine effektive Kulturförderung betrieben. Es gibt dort in allen Regionen Kultur- und Trachtenberatungsstellen mit hauptamtlichen Mitarbeitern, die sich um Volksmusik, Tanz und Trachten kümmern. Dies würde man sich auch für das trachtenreichste Bundesland Hessen wünschen.

Wie begegnen Ihnen die Menschen, wenn Sie irgendwo in Ihrer evangelischen Marburger Tracht auftreten? 

Paulus: Fast immer positiv. Sie sind sehr daran interessiert, woher ich komme und was ich trage. Ein schönes Beispiel: Wir waren mit sechs Personen am 3. Oktober 2015 in Frankfurt bei den Festlichkeiten zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. Wir kamen kaum vorwärts, da wir permanent den Wünschen zu einem Foto mit uns nachgekommen sind. Meist waren es auch ausländische Besucher, die sich mit uns fotografieren lassen wollten.

Mit dem Oktoberfest-Trend kommt ja eine ganze Kultur aus Bayern zu uns: Weißbier, Brezeln, Haxen und blau-weiß karierte Fahnen. Sind die Bayern einfach selbstbewusster als wir, wenn es darum geht, ihre Identität nach außen zu tragen? 

Paulus: Ich bedauere es, dass die Oktoberfeste in Hessen geprägt sind von blau-weißen Tischdecken und Fahnen und auch Brezeln und Weißwurst. Denn wir hatten bis vor gar nicht allzu langer Zeit die Kirmes in jedem Dorf, die zu unserer Tradition und Kultur gehört. Für mich sind die Oktoberfeste wie Mottopartys - es ist keine gelebte Kultur, sondern die Menschen sind wie verkleidet. Ich würde mir wünschen, dass die Jugendlichen im Dorf sich der eigenen Kultur bewusst werden und die Dekoration mal in Rot-Weiß gestalten. Schmalzbrote und rote Wurst schmecken bestimmt nicht schlechter als Weißwurst und Brezel.

Was tun die Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege und die Volkskunstgilde, denen Sie angehören, für den Erhalt heimischer Trachten? 

Paulus: Wir erstellen Publikationen und Dokumentationen und auch Arbeitshilfen für die einzelnen Trachten - Arbeitsblätter und Fotos, die zeigen, wie man Trachtenteile näht. Wir bieten Vorträge, Ausstellungen und Trachtenschauen an, und nehmen in unseren unterschiedlichen Trachten an Festen und Festzügen teil. Alle zwei Jahre veranstalten wir einen Trachtenmarkt, bei dem sich Interessierte und Trachtengruppen neu einkleiden oder ihren Fundus erweitern können.

Zur Person:

Angela Paulus stammt aus Laisa und wohnt in Heskem im Ebsdorfergrund bei Marburg. Sie ist 53 Jahre alt und ledig. Die Diplom-Betriebswirtin ist im Vertrieb tätig. Ihre Hobbys sind Volkstanz und Trachten - sie selbst trägt die evangelische Marburger Tracht, allerdings nicht im Alltag. Sie ist Tanzleiterin in der Hessischen Volkskunstgilde und leitet die Fachgruppe Brauchtum und Trachten in der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT). Darüber hinaus gehört sie dem Vorstand des Deutschen Europeade-Komitees (Europas größtes Folklorefestival) an.

Hintergrund:

In Hessen gibt es ca. 35 Trachtengebiete. Die größte Vielfalt findet sich in Marburg-Biedenkopf mit acht eigenständigen Trachten. Vor drei Jahren hat die Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT) angefangen, einen Hessischen Trachtenatlas aufzustellen, um Interessierten ein genaues Bild über die Trachtenlandschaft zu geben: www.trachtenland-hessen.de.

„Neben der HVT setzen sich auch andere Gruppen für den Erhalt der hessischen Trachten ein - regional viele eigenständige Heimatvereine und Heimatmuseen, die durch ihre Aktivitäten und Präsenz die dörfliche Tradition anschaulich darstellen“, sagt Angela Paulus.

Der nächste Trachtenmarkt der HVT findet am 12. März 2017 in Ebsdorfergrund-Dreihausen statt.

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