Wassermassen besser im Griff

Kasseler Forscher entwickeln System zur präziseren Steuerung der Edertalsperre

+
Wassermengen wohldosieren: An der Uni Kassel ist ein System entwickelt worden, mit dem man die Abflussmengen an der Staumauer des Edersees noch genauer steuern kann.

Kassel. Die richtige Dosierung des Wasserabflusses aus dem Edersee ist anspruchsvoll. Forscher der Uni Kassel haben nun ein System entwickelt, mit dem das besser funktioniert.

Zum einen gilt es, die Bevölkerung des Edertals und die Anrainer der Fulda in Herbst, Winter und Frühjahr vor Hochwasser zu schützen. Das gelingt nicht nimmer, was zuletzt die Überflutungen 2011 und 1995 am Auedamm und der Unterneustadt in Kassel zeigten. Zum anderen muss die Steuerung der Talsperre auch sicherstellen, dass die Frachtschiffe auf der Weser im Sommer genug Wasser unter dem Kiel haben. Das führt ab und an zu Konflikten mit den Seglern und Touristikbetrieben am Edersee, wenn dessen Pegel so weit absinkt, dass die versunkenen Dörfer wieder zum Vorschein kommen.

Wissenschaftler des Fachgebiets Wasserbau und Wasserwirtschaft unter Leitung von Prof. Dr. Stephan Theobald haben im Auftrag der Bundesanstalt für Gewässerkunde und in Zusammenarbeit mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt Hann. Münden nun ein computergestütztes System entwickelt, das eine präzisere und vorausschauende Steuerung der Abflussmengen des Edersees ermöglicht.

In diesem System wurden alle Daten verknüpft, die für die Steuerung der Talsperre wesentlich sind. Dazu gehören unter anderem Abflussvorhersagen, Zuflussmengen in den See und gemessene Pegelstände sowie die im Einzugsgebiet zurückgehaltenen Schneemengen. Der Bauingenieur Alexander Rötz hat mit dem Hydrologen und Doktoranden Christian Bouillon ein Vorhersagemodell entwickelt, das simulieren kann, auf welchen Wegen die jeweils gewünschten Pegelstände an Eder, Fulda und Weser optimal erreicht werden können.

„Wir können die Pegel stundengenau regulieren“, erklärt Rötz, der zu diesem Thema seine Doktorarbeit geschrieben hat. Ziel sei es, mit dem Wasser des Edersees so sparsam wie möglich umzugehen.

Wie anspruchsvoll diese Aufgabe ist, zeigt ein Beispiel: Wenn zusätzliches Wasser aus dem Edersee abgelassen wird, braucht die dadurch ausgelöste Welle 12 bis 24 Stunden, bis sie im 92 Kilometer entfernten Hann. Münden ankommt. Das Tempo der Welle hängt maßgeblich vom jeweiligen Wasserstand in Eder und Fulda ab, weil dieser die Fließgeschwindigkeit mitbestimmt. Oft gibt es mehrere Möglichkeiten, um für eine bestimmte Zeit einen bestimmten Pegelstand zu erzielen.

„Unser System bietet den Betreibern eine komfortable Entscheidungshilfe“, sagt Rötz. Es zeige aber auch sofort an, wenn beispielsweise ein Hochwasser nicht in den Griff zu bekommen ist. Dann bleibt nur die schnelle Warnung der Flussanrainer.

Wunder seien von der neuen Software nicht zu erwarten, sagt Theobald. Denn bisher sei die Wasserabgabe aus dem Edersee auch schon gut gesteuert worden. In trockenen Sommern müssen sich die Segler also weiter mit Niedrigwasser abfinden.

Hintergrund: Auch für Strom aus Wasserkraft interessant

Die Kasseler Wissenschaftler sehen für ihre Steuerungssoftware Anwendungsfelder in der ganzen Welt. „Das System ist auf andere Talsperrensysteme übertragbar. Wir haben bereits Anfragen aus Österreich“, sagt Prof. Dr. Stephan Theobald. Während es bei der Edertalsperre vor allem um Niedrigwasseraufhöhung und Hochwasserschutz gehe, seien 37 Prozent der weltweit 58 000 Stauanlagen vor allem zur Lösung von Bewässerungsproblemen in der Landwirtschaft errichtet worden. Dort könne das Kasseler System helfen, Wasser zu sparen. Ein weiteres Anwendungsfeld sieht Theobald in der Optimierung der Stromerzeugung durch Wasserkraft.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.