Arbeit statt Sozialhilfe: Landkreis bietet Neustart

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Bieten Langzeitarbeitslosen ein neues Programm: Projektleiter Michael Kremer, Landrat Winfried Becker, Projektteilnehmer Andreas Zindler (sitzend, Mitte) Bettina Wagener-Dersch vom Jobcenter, Pressesprecher Stephan Bürger (hinten) und vorne rechts Lars Werner, Leiter der Sozialverwaltung.

Schwalm-Eder. Ein EU-Projekt soll 200 Menschen im Schwalm-Eder-Kreis zurück in den Beruf bringen.

Das soziale Netz im Schwalm-Eder-Kreis soll noch dichter geknüpft werden: Der Landkreis hat ein Programm für die 200 Menschen in der Region aufgelegt, die Sozialhilfe beziehen und die auf lange Sicht nicht in der Lage sind, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ein Pilotprojekt des Europäischen Sozialfonds soll sie in den Beruf und damit auch wieder zurück ins gesellschaftliche Leben bringen.

Andreas Zindler aus Verna ist einer von ihnen. Der 41-Jährige, der lange Zeit erwerbsunfähig war, macht mit dem Angebot der Sozialverwaltung ganz neue Erfahrungen: Er hat mit Michael Kremer einen Ansprechpartner, der sich für ihn einsetze. So sehr, dass Zindler jetzt einen Minijob als Taxifahrer hat, „Ohne diese Hilfe hätte ich das nicht geschafft“, sagt er.

Die Gründe dafür, warum jemand für mindestens sechs Monate aus dem Arbeitsmarkt und in die Sozialhilfe rutscht, sind vielfältig: Ursache können gesundheitliche Gründe wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall sein, aber auch Alkohol- oder Drogenprobleme. Und genau da setzt das neue Programm an: Ziel ist es nicht, die Menschen zwingend und sofort in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sondern die Ursache für ihre Probleme zu suchen und zu lösen.

„Wir haben damit die Chance, Menschen dabei zu helfen, dass sie ihr Leben neu ordnen und in den Griff bekommen“, sagt Landrat Winfried Becker. Michael Kremer ist derjenige, der sich um die Klienten kümmert. Um deren Arzt- und Therapietermine, aber auch um Praktikumsplätze - und geht so erste Schritte auf dem Weg aus der Erwerbsunfähigkeit in den Arbeitsmarkt.

Aber längst nicht jeder der 200 Betroffenen ergreift diese Chance. Die Bilanz nach einem Jahr: 53 von ihnen haben das Angebot wahrgenommen, das die Sozialverwaltung da macht - einen Neustart unter guter Anleitung wagen.

Hintergrund: Drei sind auf dem Weg in den Job

Das Projekt des Fallmanagements stellt eine intensive Form der Betreuung durch die Sozialverwaltung dar: Die will alles daran setzen, Menschen mit geistigen, körperlichen und seelischen Behinderungen zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen. Das aber nicht durch massiven Druck, sondern durch individuelle Hilfestellung.

Ein solches Projekt sei ambitioniert, aber wichtig, sagte Lars Werner, Leiter der Sozialverwaltung: „Wir wollen vermeiden, dass die Menschen dauerhaft Sozialhilfe beziehen.“ Die Teilnahme ist freiwillig. 170 Menschen wurden darüber im vorigen Jahr informiert, 53 machen mit. Drei von ihnen sind bereits auf dem Sprung in den Arbeitsmarkt.

Endlich rein in den Job - Andreas Zindler aus Verna hat den Mut, sich beim Projekt des Landkreises zu erproben

Ohne das Projekt des Landkreises würde Andreas Zindler aus Verna wahrscheinlich an vielen Tagen nicht wissen, womit er sich beschäftigen soll. Vermutlich würde er schon morgens Fernsehen schauen. Dazu aber hat der 41-Jährige, der seit drei Jahren verrentet ist, nun keine Zeit mehr: Seit zwei Monaten fährt er vormittags Taxi. Vorerst nur drei Stunden täglich - aber es ist vielleicht der Anfang eines anderen Lebens.

Denn für den 41-Jährigen ist das Taxifahren mehr als nur ein Job. Er stellt für ihn eine Chance dar, sich auszuprobieren, eine Gelegenheit, den Alltag wieder zu strukturieren, statt in den Tag hinein zu leben. Vor allem aber stellt er die Gelegenheit dar, sich selbst in einer Welt zu testen, in der er jahrelang nicht gelebt hat: der Arbeitswelt.

Den Zutritt zu ihr hat ihm Michael Kremer verschafft. Kremer ist der Projektleiter des freiwilligen Programms, mit dem der Landkreis langfristig Erwerbsunfähige wieder in Lohn und Brot bringen will, um zu verhindern, dass sie für den Rest ihres Lebens Sozialhilfe beziehen müssen. Kremer ist Fallmanager, wie es so schön heißt, und kümmert sich um alles, was ansteht. Er will seinen Klienten keinen Druck machen, sondern ihnen helfen, Probleme anzugehen, den Alltag zu meistern und ihnen damit Antrieb geben und im besten Falle auch Praktika oder einen Minijob vermitteln.

Bei Andreas Zindler hat es geklappt. Der hatte Krankenpfleger gelernt, als ihn eine Krankheit aus der Kurve trug. Die war so schwer, dass er auch eine Umschulung zum IT-Kaufmann abbrechen musste. Vor drei Jahren wurde der damals 38-Jährige vorerst verrentet und hat seitdem viele Vormittage vor dem Fernseher verbracht.

„Wenn man alleine ist, keinerlei Termine hat, auch den Keller schon drei Mal aufgeräumt hat - dann weiß man beim besten Willen nichts mehr mit sich anzufangen“, sagt Zindler. Deshalb war für ihn klar, dass er das Angebot von Kremer annehmen würde: Raus aus der Perspektivlosigkeit, rein ins Projekt.

„Ich bin krank, nicht umsonst verrentet - aber ich will nicht 30 Jahre zu Hause bleiben, ich will etwas tun“, sagt Zindler. Bis zum Sommer hat er den Mini-Job. Bis dahin wird er das Gefühl genießen, das man hat, wenn man heim kommt und weiß, dass man etwas geleistet hat. Und bis dahin wird er wissen, ob er künftig nicht noch mehr leisten kann. Das Projekt bietet ihm die Chance. Den Mut, sie zu ergreifen, hat er schon aufgebracht. Das ist der erste Erfolg.

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