Ellen Conrad tauschte ein Leben in London gegen eines im Knüll

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Sie wagte den Sprung in ein neues Leben: Ellen Conrad (40) ist vor wenigen Wochen von London nach Oberbeisheim gezogen.

Oberbeisheim. Davon träumen viele: Den Mut zu haben, den Job zu kündigen, mit dem man nicht mehr glücklich ist und etwas ganz anderes zu machen. Ellen Conrad hatte diesen Mut. Sie hat sich von London aus auf die Suche nach dem Glück gemacht - und es in Oberbeisheim gefunden.

Die 40-Jährige hat ihre Stelle bei einem Kosmetikkonzern in London gekündigt, ihren Hausstand verkauft und ist auf den Zeidlerhof in Oberbeisheim gezogen. Ohne Netz und ohne doppelten Boden. Nur auf das Gefühl hin, genau das Richtige zu tun.

Dabei hatte Ellen Conrad noch vor drei Monaten ein Leben, um das sie garantiert ungezählte Menschen beneidet haben. Die Ernährungswissenschaftlerin lebte in einer der angesagtesten Städte der Welt, arbeitete für einen der größten Konzerne der Welt - war aber dennoch nicht die glücklichste Frau der Welt. Zumindest nicht, nachdem sich ihr Freund getrennt, ihre Abteilung in der Firma drastisch verkleinert und ihr ein neuer Chef vorgesetzt wurde. „Ich wurde immer unzufriedener - und habe gemerkt, dass ich mein Leben ändern will“, erzählt die gebürtige Norddeutsche, die zuvor in Frankfurt gelebt hatte und von dort aus für ihren Arbeitgeber nach London gegangen war.

Die begeisterte Reiterin berichtete einem englischen Freund von der Idee, irgendwo von vorne anzufangen. Am liebsten an einem Ort, wo es viel Platz für Pferde und vor allem für einen Neustart gibt.

Der Freund hatte eine Idee, wo das sein könnte: in Oberbeisheim. Er kannte die Familie Krebs, die dort pferdegestützte Seminare für Führungskräfte anbietet und die Verstärkung fürs Team suchte. Ellen Conrad reagierte sofort: Sie flog nach Deutschland, sah sich Oberbeisheim und den Zeidlerhof an und trug vier Wochen später ihre Möbel in ihre neue Wohnung. Und die ist so groß und so schön, dass die Miete garantiert schwindelerregend hoch wäre, wenn sie in London und nicht im Knüll läge.

Das alles ist gerade einmal zehn Wochen her. Und noch immer hat sie keinerlei Panik, die Dinge überstürzt zu haben. Im Gegenteil.

Ellen Conrad vermisst nichts. Nicht die Hektik in London, nicht den Stress im Konzern. Sie hat Arbeit bei einer Veranstaltungsagentur in Rotenburg gefunden, baut zusammen mit Familie Krebs das Seminarangebot für Manager in deren Firma Horse Dream weiter aus und arbeitet außerdem in der Marktforschung. Das neue Leben steht sicher und auf gleich drei Standbeinen - und irgendwo her muss das Geld ja kommen.

Wer meint, dass man sich in Oberbeisheim abends zu Tode langweilt, irrt. Ellen Conrad geht einmal die Woche nur eine Straße weiter zum Yoga und zur Nähgruppe.

„Ich lerne ständig neue Menschen kennen, die Nordhessen sind unglaublich nett - es geht mir gut“, sagt sie. Und ihr mangelt es im Knülldorf wirklich an nichts? „Nein“, sagt sie. „Ich wollte das neue Leben so sehr, dass kein Raum fürs Vermissen bleibt.“

Bis auf eines. Ein indisches Restaurant in der Nähe wäre schön. In London gab es an jeder Ecke eines, hier kein einziges. „Schade“, sagt sie. „Aber auch das ist nicht wirklich wichtig.“ Was ist dann wichtig? „Angekommen zu sein. Und ein Leben zu haben, in dem man nichts vermisst.“

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