Ermetheiser Dorfladen liegt am Boden

Sie möchten ihn nicht missen, können ihn aber nicht allein am Leben erhalten: von links die treue Kundin Gerda Kozikowski (91), Genossenschafts-Chef Horst Giesler und Geschäftsführerin Petra Metzler im Dorfladen „Der Spatz“. Foto: Lange-Michael

"Der Spatz" braucht ein neues Konzept, sonst muss er schließen. 15 Jahre nach seiner Eröffnung decken die Umsätze schon lange nicht mehr die Kosten.

Solche Micky-Maus-Läden steuern wir nicht mehr an: Das hört Horst Giesler in den Gesprächen, die er mit den Großen der Lebensmittelbranche geführt hat. Ob Edeka, Tegut oder andere: Die Mengen, die im Ermetheiser Dorfladen Der Spatz benötigt werden, sind viel zu gering. So kleine Geschäfte werden nicht mehr beliefert: Ende der Diskussion.

Ist damit auch Schluss für das Projekt Dorfladen in dem kleinen Niedensteiner Stadtteil? Gut möglich, dass er zum Jahresende die Türen schließen muss - wenn sich nicht Grundlegendes ändert.

Vor gut 15 Jahren, in der Euphorie der Dorferneuerung, waren es 78 Gesellschafter, die die Genossenschaft gründeten und in dem alten Fachwerkensemble in der Dorfmitte einen Laden zur Versorgung der Ermetheiser Bewohner etablierten. Heute sind es noch knapp 50.

„Ehrenamtliche Arbeit hat immer dazu gehört, war und ist ein Pfeiler unserer Arbeit“, sagt Horst Giesler, Mann der ersten Stunde und noch bis Jahresende Vorsitzender der Genossenschaft. Der Laden habe durchaus eine kleine Erfolgsgeschichte geschrieben. Auch als Treffpunkt und Kommunikationszentrale im Dorf erfülle er für viele eine wichtige Funktion.

Umsatz zu gering

Doch die Umsätze decken schon lange die Kosten nicht. Trotz aller ehrenamtlicher Arbeit. Damals, bei der ersten Umfrage im Dorf, hätten 40 Prozent der Ermetheiser gesagt, sie würden in einem solchen Laden einkaufen. „Wenn es so wäre, dann hätten wir weniger Probleme“, sagt Giesler heute.

Heute steht die Genossenschaft mit dem Rücken an der Wand. Ende November werden die Anteilseigner zusammenkommen zu einer Gesellschafterversammlung, und dann muss man entscheiden, ob und wie es weitergehen könnte.

„Ich höre definitiv auf“, sagt Horst Giesler. Wer seinen Job weitermachen könnte, steht in den Sternen. Petra Metzler, die den Laden führt, würde gerne dort weiter arbeiten - aber wie? So wie es jetzt ist, sieht sie keine Zukunft.

Für viele Ermetheiser wäre die Ladenschließung ein großer Verlust. Gerda Kozikowski zum Beispiel: Sie ist 91 Jahre alt und geht mehrmals pro Woche mit ihrem Rollator zum Lädchen. Dort bekommt sie fast alles, was sie benötigt. Auch wenn die Auswahl nicht so groß ist wie im Supermarkt.

Noch Hoffnung

Noch hat Horst Giesler die Hoffnung nicht aufgegeben. Er sieht Chancen für den Dorfladen, wenn sich • mehr Menschen unentgeltlich engagieren, • mehr Ermetheiser dort einkaufen würden, • man mehr Unterstützung für eine individuelle Einkaufsstrategie finden könnte.

„Es gibt vielleicht Rentner, die in den Märkten der Umgebung nach Angeboten suchen und dort einkaufen könnten für den Laden“, sagt er. Wer den Laden wolle, müsse auch etwas dafür tun, sagt er. Ohne neue Ideen und Hilfe werde der Spatz nicht mehr lange existieren.

Hintergrund: Auch Wurst, Gemüse und Backwaren

Der Dorfladen „Der Spatz“ liegt in der Mitte des Niedensteiner Stadtteils Ermetheis, in einem sanierten früheren Fachwerkensemble. Er wurde auch mit Fördergeld der Dorferneuerung ermöglicht.

Der Dorfladen verkauft alle Waren des täglichen Bedarfs, allerdings mit einem eingeschränkten Sortiment. Frische Fleisch- und Wurstwaren liefert der Hofladen von Landwirt Volke aus Fritzlar, auch Fertiggerichte.

Das Angebot an Obst und Gemüse ist groß, der Bio-Bäcker Brotgarten aus Kassel liefert Backwaren, es gibt einen Getränkemarkt.

Noch einige Zahlen:

• Einwohnerzahl: etwa 720, stabil bleibend,

• Ladenfläche: etwa 100 qm,

• Umsatz: etwa 85 000 Euro im Jahr, stark monatlich schwankend, 150 000 Euro wären notwendig,

• 500 bis 800 Euro finanzielle Unterdeckung pro Monat,

• 52 Gesellschafter in der Genossenschaft.

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