Missbrauchsprozess: Fritzlarer Pfarrer zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt

Kassel. Der katholische Priester Hansjörg L. aus Fritzlar ist vom Kasseler Landgericht wegen sexuellem Missbrauch von Kindern in 155 Fällen und dem Besitz von kinderpornografischen Schriften zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt worden.

Der 50-Jährige nahm das Urteil reglos entgegen. Nach Informationen der Staatsanwaltschaft wird auch die katholische Kirche in Rom ein kirchenrechtliches Verfahren gegen den Priester einleiten.

Das Kasseler Landgericht befand, dass der Priester mit krimineller Energie vorging, um seine pädophilen Neigungen zu befriedigen. Bei dem sexuellen Missbrauch sei der Mann, der den Ordensnamen Michael trägt, plan- und tatvoll vorgegangen.

Das Gericht hielt dem Verurteilten zu Gute, dass er durch sein Geständnis den Opfern erspart hätte, öffentlich aussagen zu müssen. Der Verteidiger, der Fritzlarer Anwalt Hans-Joachim Kathen, sagte, dass er vermutlich keine Revision einlegen werde. Er wolle aber erst noch mit seinem Mandanten reden.

Unter riesigem Publikums- und Medieninteresse hatte am Donnerstagmorgen vor dem Kasseler Landgericht der Prozess gegen den katholischen Priester Hansjörg L. begonnen. Der 50-Jährige war in 164 Fällen angeklagt, sich an Ministranten vergriffen zu haben.

Um 11.35 Uhr noch war die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden. Eine Krimonaloberrätin aus Homberg schildert nun als Zeugin, was die Opfer der sexuellen Übergriffe erleiden mussten. Sie sagte, dass diese Vorfalle sie selbst emotional mitgenommen hätten.

Ab 13 Uhr wurden die Plädoyers gehalten. Staatsanwältin Pia Röder forderte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Der Priester habe das Vertrauen der Ministranten bösartig verletzt. Anzurechnen sei ihm sein Geständnis. Er habe den Opfern ersparrt, vor Gericht aussagen zu müssen. Auf der anderen Seite würden die Opfer noch unter der Tat leiden. Der Verteidiger Hans-Joachim Kathen aus Fritzlar forderte kein bestimmtes Strafmaß. Er sagte: "Vater, ich habe gesündigt und ich nehme meine Strafe an." Ähnlich äußerte sich der Angeklagte in seinen "letzten Worten". Er bat alle, die er geschädigt habe, um Vergebung. Das Ansehen der Kirche habe durch "solche und ähnliche Taten gelitten". Er hoffe, dass er die ihm aufgegebenen Bußen und Strafen wird ertragen können. Hansjörg L. bat auch die Obersten seines Ordens um Vergebung.

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Hansjörg L. war der Beichtvater der Kinder, die zwischen elf und zwölf Jahre alt waren, als die sexuellen Übergriffe begannen. Die Taten sollen zwischen 1992 und 2003 geschehen sein. Von 2003 bis 2010 besorgte sich der Angeklagte dann pornografisches Material, auf dem Kinder zu sehen seien.

Die Taten von Hansjörg L. liefen laut Anklage immer nach demselben Schema ab: Der Priester gab vor, aus medizinischen Gründen den Genitalbereich der Kinder untersuchen zu müssen. Er habe nachschauen wollen, ob dort alles in Ordnung ist. Dann manipulierte der Priester die Kinder im Genitalbereich. Einzelheiten schildern wir an dieser Stelle nicht. Da die Ministranten ihrem Beichtvater vertrauten, ließen sie die Handlungen zu.

Die sexuellen Übergriffe fanden im Fritzlarer Ordenhaus, auf Freizeiten und in Urlauben, zu denen der Priester die Ministranten mitnahm, statt.

Hansjörg L. gestand zu Beginn des Prozesses die ihm vorgeworfenen Taten "im Wesentlichen" ein. Er gab eine Erklärung ab, die von Prozessbeobachtern als lächerliche Entschuldigung bewertet wurde.

Hansjörg L. erklärte, er habe in einer Art Selbsttäuschung gedacht, dass die Kinder freiwillig mitmachen würden. In einer "Dr.-Sommer-Mentalität" [die auf die Aufklärungsseite der Zeitschrift Bravo hinweisen soll, Anm. d. Red.] habe er die Kinder sexuell begleiten wollen. Darum sei er bei den Übergriffen auch pseudowissenschaftlich vorgegangen.

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Der Vorsitzende Richter sagte zu dem Angeklagten, er habe pädophile Neigungen. "Dazu braucht man keinen Sachverständigen." Hansjörg L. habe als Priester wissen müssen, dass er mit seinen Handlunegn etwas begeht, was die Kirche als Todsünde einstuft. Der Angeklagte sagte dazu, er habe sich einmal einem Pfarrer anvertraut. Von der katholischen Kirche habe er sich darüber hinaus keine Hilfe erhofft. Er habe Angst gehabt, aus dem Orden zu fliegen. Seinen Hergott habe er gebeten, ihm eine Chance zu geben, alles wieder gut zu machen, darum habe er sich in die Arbeit gestürzt und viel mehr getan, als er als Schulpfarrer hätte tun müssen. So habe er zum Beispiel die Patenschaft für ein Kind in Afrika übernommen.

Im Fritzlarer Orden waren die sexuellen Übergriffe offenbar im Jahr 1998 schon ein Thema. Die Ordensführer haben ihn daraufhin angesprochen, sagte der Angeklagte. Er solle bedenken, was sein Handeln für Konsequenzen habe. Hansjörg L. habe in den Gesprächen beteuert, dass an den Gerüchten nichts dran sei. Im Jahr 2003 habe er dann erst gewusst, dass er einen Schlussstrich ziehen müsse. Der Vorsitzende Richter fragte ihn daraufhin, warum er dann nicht die vielen Kinderpornos von seinem Rechner gelöscht habe. Hansjörg L.: "Da habe ich den Überblick verloren." (tho)

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