Missbrauch von Messdienern: Justiz weitet Ermittlungen aus

Fritzlar. Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen im Fall des Fritzlarer Priesters aus, der verdächtigt wird, Ministranten in über 30 Fällen missbraucht zu haben. Jetzt werde geprüft, ob der Tatzeitraum ausgedehnt werden muss.

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Das sagte Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung auf unsere Anfrage. Seit Donnerstag sitzt der Prämonstratenser-Chorherr Michael L., Priester und Schulpfarrer der Ursulinenschule, in Haft. Ihm werden über 30 Fälle von sexuellem Missbrauch vorgeworfen, nicht aber Missbrauch an 30 Kindern. Es handele sich um etwa zehn Messdiener, sagte uns am Montag die Missbrauchsbeauftragte des Prämonstratenser-Priorats, die Rechtsanwältin Meike Schoeler. Sie könne sich durchaus vorstellen, dass der Chorherr diese Taten bis in die Gegenwart begangen habe.

Der einstige Seelsorger hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft ein Geständnis abgelegt. Zunächst ging es um die Zeit von 1994 bis 2001. Doch jetzt will die Justiz untersuchen, ob er sich bis in die Gegenwart strafbar gemacht hat. Auf unsere Frage, ob damit auch mehr Fälle verbunden wären, sagte Jung, das sei denkbar. Die Vergangenheit vor 1994 spielt keine Rolle, weil strafbare Handlungen davor verjährt seien. Was dem Priester genau vorgeworfen wird, wollte Jung nicht sagen.

Bei der Missbrauchsbeauftragten sind bislang nur zwei E-Mails eingegangen, und zwar von Menschen, die ihre Meinung sagen wollten, sagte Meike Schoeler. Auf unsere Frage, ob er von den Vorwürfen und Taten gewusst habe, sagte Conrad Müller am Montag erstmals in aller Deutlichkeit „nein“. Wie es jetzt weitergeht, ob die Prämonstratenser in Fritzlar bleiben, ist noch offen. Am Montag traf der Abt ihres Stammhauses aus Geras (Niederösterreich), Michael Karl Proházka (53), in Fritzlar ein. Am Dienstag will er mit Bischof Algermissen in Fulda zusammentreffen. (rgb)

Hintergrund - Conrad: Würde gern hier bleiben

Ginge es nach dem Willen des Prämonstratenser-Priors und Stadtpfarrers Conrad Müller, dann würde die Ordensleute in Fritzlar bleiben. Auf unsere Frage, wie er entscheiden würde, wenn er könnte, sagte der Priester: „Mir gehen so viele Gefühle und Gedanken durch den Kopf. Es ist unglaublich schwer, bei diesem Druck eine solche Frage zu beantworten.“ Aber, so fügte er hinzu: „Ich bin seit 20 Jahren hier und würde gern weiterhin als Ordensmann und Priester bleiben.“ Die Entscheidung jedoch werde vom Bischof in Fulda getroffen. „Wir müssen abwarten.“

Reaktionen der Ursulinenschule: „Wir sind geschockt“

Nottelefon der Polizei für Opfer/Geschädigte: 0172/25 73 545

Für Schulleitung und Kollegium der Fritzlarer Ursulinenschule sei „schon eine Welt zusammengebrochen“, als der Prämonstratenser-Priester Herr Michael verhaftet wurde. Schulleiterin Jutta Ramisch spricht von einem großen Schock in ihrer Schule. Dort, an der katholischen Privatschule des Bistums Fulda, hat der Beschuldigte seit 20 Jahren katholische Religion unterrichtet. Schon nach den ersten Informationen über den Missbrauchs-Verdacht gegen den Chorherrn habe die Schule gehandelt und Lehrer sowie Schüler umgehend informiert. Angebot an Schüler Sie habe das Kollegium damals gebeten, mit den Schülern zu sprechen und sich als Ansprechpartner anzubieten. Tatsächlich habe es zunächst keinerlei Hinweise aus Schülerkreisen auf irgendeine Form von übergriffigem Verhalten gegeben, berichtet Ramisch. Ein Schüler habe jedoch von einer gewissen „Distanzlosigkeit“ des beschuldigten Priesters bei einer Ministrantenfreizeit berichtet. Auch in einer Elternbeiratssitzung sei über die Thematik gesprochen worden. Schulleitung, Kollegium und die Missbrauchsbeauftragte hätten sich als mögliche Gesprächspartner angeboten. Dass es jetzt ein Geständnis gebe und damit der Missbrauch mehr als nur ein Verdacht sei, habe die Schulgemeinde stark getroffen. Zweifel an der Schuld gebe es jetzt wohl nicht mehr, sagte Ramisch. (ula)

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