Von Ringelschwänzen und MRSA-Keimen

Podiumsgespräch zur Massentierhaltung: „Ende der Agrarindustrie“

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Aufmerksame Zuhörer: Etwa 120 Besucher waren am Mittwochabend ins Bürgerhaus gekommen, um sich über Gefahren und Alternativen zur Massentierhaltung zu informieren.

Gudensberg. Wenn man künftig den Schweinen in den deutschen Mastställen wegen des EU-weiten Tierschutzgesetzes ihre Ringelschwänzchen nicht mehr abschneiden darf, dann wird das enorme Auswirkungen auf die Tierhaltung haben - und zwar zugunsten der Tiere:

Mit Schwänzen keine Stresshaltung mehr, als Folge weniger Tiere pro Stall, eine andere Haltung, damit weniger Fleisch auf dem Markt und bessere Preise.

Das prophezeite Agrarexperte Eckehard Niemann am Mittwochabend bei der Veranstaltung zur Massentierhaltung im Gudensberger Bürgerhaus. Eingeladen zu dem Podiumsgespräch hatte die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung.

„Wir sind tatsächlich auf dem Weg, die Agrarindustrie mit ihren riesigen Mastställen abzuschaffen“, zeigte sich Niemann optimistisch. Voraussetzung sei, dass die Tierschutzvorgaben der EU auch durchgesetzt werden, wie das in Skandinavien der Fall sei.

Landwirte keine Gegner

„Wir haben den Kampf gegen Pharmaindustrie und Konzerne aufgenommen, die heute die Landwirtschaft weitgehend bestimmen“, sagte Andreas Grede als Einlader. Gegner seien nicht die Landwirte, sondern die Großinvestoren.

Geballte Kompetenz: Die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung hatte zum Podiumsgespräch in Gudensberg einige Experten eingeladen, von links Martin Häusling (Europa-Abgeordneter der Grünen aus Bad Zwesten), Andreas Kampmann (Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten), Moderatorin Dr. Andreas Fink-Keßler, Mediziner Dr. Philipp Klapsing, Agrarexperte Eckehard Niemann und Landwirt Reinhard Nagel.

Auf dem Podium saßen Experten unterschiedlicher Bereiche: Dr. Philipp Klapsing als Intensivmediziner wies darauf hin, dass immer mehr multiresistente Keime (MRSA) und die teils massenhafte Gabe von Antibiotika in der Tierhaltung durchaus zusammenhängen. „85 Prozent der Landwirte und Tierärzte, die sich häufig in Mastställen aufhalten, sind MRSA-Träger“, sagte Klapsing. Sie würden in Kliniken schon als Hochrisiko-Patienten angesehen mit der Empfehlung, sie sofort zu isolieren. In Holland werde jeder Deutsche als potenzieller Keimträger angesehen und isoliert, damit er keinen ansteckt.

Eckehard Niemann wies darauf hin, dass sich bei der Hähnchenproduktion wenige Groß-Konzerne einen Verdrängungswettbewerb lieferten. Es gebe in Deutschland und Europa eine deutliche Überproduktion, da der Verbrauch inzwischen stagniere.

Nur wenig Geld für gefährliche Arbeit

Ernüchternd waren die Aussagen des Gewerkschaftsvertreters zum Thema Arbeitsplätze: Andreas Kampmann (NGG) berichtete, dass in der Gudensberger Hähnchenschlachterei die 160 festen Mitarbeiter etwa 1630 Euro brutto monatlich verdienen, die 90 Leiharbeiter noch 1470 Euro und die 80 per Werksvertrag Beschäftigten 1340 Euro - bei 40 Stunden pro Woche, für eine hochgradig gesundheitsgefährdende Arbeit.

Eine Landwirtschaft, die man 50 Jahre lang an Subventionen gewöhnt habe, könne man nicht von heute auf morgen ändern, sagte EU-Parlamentarier Martin Häusling. „Aber der Druck wird zunehmen, dass sich etwas ändert“, sagte er voraus, allein schon durch das Antibiotika-Problem. Ziel seien faire Preise für faire Produkte, betonte Häusling. Der aktuell wichtigste Kampf sei der gegen das geplante Freihandelsabkommen mit den USA: Dafür müsse man Menschen aktivieren.

Über alternative Methoden in der Landwirtschaft berichtete Reinhard Nagel. Der Milchbauer lässt seine Kühe weniger Milch, dafür mehr Kälbchen produzieren. „Die halten die Euter gesund“, sagte er, mit der Folge, dass er kaum einen Tierarzt und keine Antibiotika benötige.

Alle Referenten forderten dazu auf, lokal und überregional politischen Druck aufzubauen. Nur so könne man etwas ändern.

Von Ulrike Lange-Michael

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