Sauerkraut & Co.: Hengstenberg-Standort in Fritzlar wird 50 Jahre alt

Fritzlar. Wir liefern jetzt auch aus Fritzlar, hieß es 1961 in einem Schreiben von Richard Hengstenberg an seine Lieferanten. Das ist 50 Jahre her. Seitdem hat sich das Werk in Fritzlar zur weltweit größten Sauerkrautfabrik entwickelt.

Heute werden am Standort jährlich 33 000 Tonnen Weißkraut und 6000 Tonnen Rotkraut verarbeitet, geliefert von Landwirten aus der Region. „Das war damals mit entscheidend für die Standortwahl“, sagt die heutige Werksleiterin Sabine Arazi. Aber auch viele Landwirte begannen damals Kohl anzubauen, da sie mit Hengstenberg einen sicheren Abnehmer haben.

Und die Menschen in der Domstadt wissen immer ganz genau, wenn in der Pappelallee wieder produziert wird. Es liegt sozusagen in der Luft. Durch die Sauerkrautproduktion treten aber nicht nur Gärgerüche aus: Der Betrieb bringt auch Lärm und Verkehr mit sich. Das hat in den vergangen Jahrzehnten auch immer wieder für Unmut bei den Anwohnern gesorgt. „Das Werk liegt in der Stadt, da bleiben Konflikte nicht aus. Der Kontakt zu unseren Nachbarn ist uns deshalb sehr wichtig“, sagt Sabine Arazi. Deswegen geht die Werksleiterin auch persönlich zu den Nachbarn, wenn es Beschwerden gibt.

Alle Informationen zum Hengstenberg-Standort in Fritzlar gibt es im Regiowiki

Dennoch, das Werk sorgt für Arbeitsplätze. Zwar sind es in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger geworden und viele Kräfte werden nur für die heiße Produktionszeit eingestellt, aber Fritzlar ist ein sicherer Standort.

Die Produktion wurde immer effizienter und die Produktpalette immer umfangreicher. Gab es vor 50 Jahren nur ein Sauerkraut, so gibt es heute Kraut verfeinert mit Champagner, Riesling, Zwiebeln und Speck, Cidre, Ananas und Paprika.

Neben vielen Geschmacksrichtungen wurde auch der Produktionsvorgang verändert. Krautstampfen im Gärraum oder Kraut in Dosen stopfen, das sind Arbeitsschritte, die der Vergangenheit angehören. Der Großteil wird heute von Maschinen erledigt. Die Stammbelegschaft umfasst 85 Mitarbeiter, in der Produktionszeit sind es mit Saisonarbeitern 230. Vor 30, 40 Jahren waren es noch 500 bis 700 Mitarbeiter. Dennoch muss auch heute noch vor der Verarbeitung jeder Kohlkopf angeschnitten werden. Ähnlich ist es bei den Gurkengläsern: Auch sie werden von den Mitarbeiterinnen immer noch von Hand gefüllt.

Vor vier Wochen startete die Sauregurkenzeit. 5000 Tonnen Gurken werden pro Saison verarbeitet. Viele der Arbeiter am Band kommen aus Bulgarien und Polen. „Wir wüssten nicht, was wir ohne sie tun würden“, sagt Arazi. Aktuell sei es schwer, Saisonarbeiter zu finden. Da Hengstenberg Halbjahresverträge vergibt, gehen die Kräfte in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs zu Unternehmen, die Jahresverträge bieten.

Doch noch laufe die Produktion ohne Probleme. Ganz im Gegensatz zum vergangenem Jahr. „Da mussten wir alle mithelfen“, sagt die Werksleiterin. Auch Sabine Arazi stand am Band, ebenso Mitarbeiter aus der Verwaltung. „Jeder, der zwei Hände hatte, musste anpacken. Das macht unser Haus aus: Tradition und Zusammenhalt. Damit sind wir bisher immer gut gefahren.“ Weitere Artikel

Von Heike Wagner

Kommentar verfassen