Reinhold Komnick und Magnus von Kortzfleisch über die Ursachen von Legasthenie

Tabletten helfen nicht

Eloquent heißt es richtig: Legastheniker könnten es auch wie im Bild gezeigt schreiben. Reinhold Komnick, ehemaliger Leiter des Legastheniezentrums in Oberurff (links), und sein Nachfolger Magnus von Kortzfleisch unterstützen diese Schüler. Foto: Thiery

Bad Zwesten. Das Legastheniezentrum an der Christophorusschule in Oberurff bietet am Donnerstag, 28. November, einen Vortrag über die Ursachen von Legasthenie an. Der ehemalige Leiter des Zentrums Reinhold Komnick wird dort mit dem Gastreferenten, Humangenetiker Professor Timo Grimm, referieren. Im kommenden Jahr will das Zentrum ab April erstmals einen Kurs zur Ausbildung zum Legasthenietherapeuten anbieten. Wir sprachen mit Reinhold Komnick und seinem Nachfolger Magnus von Kortzfleisch, dem Leiter des Zentrums an der Schule.

Wieviele Schüler leiden unter Legasthenie?

Reinhold Komnick: Die Zahlen belegen, dass fünf bis zehn Prozent aller Schüler eine Lese-Rechtschreibschwäche haben oder sogar eine Legasthenie. Das gilt bundesweit und ist in etwa so auch auf den Kreis übertragbar.

Worin besteht der Unterschied?

Magnus von Kortzfleisch: Die Grenzen sind wie bei vielen Krankheitsbildern fließend. Von einer Lese-Rechtschreibschwäche sprechen wir, wenn das Kind eine verzögerte Entwicklung beim Lesen und Schreiben hat, etwa wegen Blockaden in der Kindheit wie traumatischen Erlebnissen, aber auch anderen Ursachen. Da gibt es große Schwankungen. Bei Legasthenie handelt es sich um eine neurologische Störung im Gehirn, die meist vererbbar ist und von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Was ist denn nun besser behandelbar?

Magnus von Kortzfleisch:

Die Lese-Rechtschreibschwäche ist eindeutig leichter behandelbar, In einigen Fällen können die Kinder das Schreiben und Lesen vollständig lernen. Für den optimalen Erfolg bei jedem Kind braucht es aber zunächst eine genaue Diagnostik. Die kann nur von speziell ausgebildeten Fachkräften mit Tests bestimmt werden. Das kann etwa ein Legasthenietherapeut.

Also ist auch das ganz individuell?

Reinhold Komnick: Auf jeden Fall gibt es ganz spezielle Entwicklungsschritte in der Sprache. Je nachdem, auf welcher Stufe es eine Blockade gab, sind die Ansätze der Behandlung ganz andere.

Geht es in der optimalen Förderung über den an vielen Schulen angebotenen Unterricht weit hinaus ?

Reinhold Komnick: Das heißt nicht, dass der Förderunterricht an den Schulen schlecht ist. Es bedeutet nur, dass eine differenzierte Herangehensweise im Zweifel mehr Erfolg bringen kann. Individuelle Förderung und das Eingehen auf die spezielle Schwäche bringen sicher mehr.

Wie gehen denn Ihre Therapeuten über diesen Ansatz hinaus?

Magnus von Kortzfleisch: Sie ermitteln genau, wo die Schwäche ihre Ursache hat und trainieren das Hören oder lautgetreues Schreiben, je nach Level des Kindes. Das geht bis zu den Grundregeln der Orthografie. Die Diagnostik basiert auf sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen.

Besteht auch für Schüler, die unter der neurologischen Schwäche leiden, die Chance, richtig schreiben zu lernen?

Reinhold Komnick: Auch da sind die Fälle sehr unterschiedlich. Wichtig ist es zu wissen, dass Intelligenz und Legasthenie nicht im unmittelbaren Zusammenhang stehen. Bei diesem Handicap können die Kinder die Schriftssprache nicht abstrahieren. Dagegen gibt es keine Tablette. Allerdings ist für die Anerkennung als Legastheniker ein bestimmter Intelligenzquotient nötig. Der Referent Dr. Grimm etwa ist auch Legastheniker sowie drei seiner Kinder.

Was tut man dann?

Reinhold Komnick: Deshalb gibt es ja auch den Notenschutz, wobei die Rechtschreibung der Schüler in den Fächern nicht benotet wird. Man kann es meist schon etwas lindern.

Ist das nicht unglaublich frustrierend?

Magnus von Kortzfleisch: Die weitere Aufgabe besteht darin, diese Kinde psychisch zu stärken. Der Leidensdruck ist enorm. Man muss die Kinder unterstützen und ihnen helfen, mit dem Manko umzugehen.

Steigen die Fälle gegenüber früher?

Reinhold Komnick: Nein, das würden wir nicht sagen. Früher ging das eher unter, die Kinder, die schlecht schreiben konnten, verschwanden in den Sonderschulen. Die Sensibilität für das Thema entwickelte sich erst in den siebziger Jahren. Mittlerweile bringen auch viele Lehrer mehr Verständnis dafür auf. Sonst kann man die Kinder schwer schädigen. Schule funktioniert aber weiter stark übers Schreiben und Lesen. Das geht im Leben weiter. Die Ansprüche der Eltern sind daher sogar gestiegen.

Was kann man denn tun, um wenigstens eine Schwäche zu verhindern?

Reinhold Komnick: Es gibt schon in den Kindergärten viele Programme für das richtige Hinhören und Wahrnehmen im Kleinkindalter, dazu kommt das Vorlesen. Lesen lernt man durch lesen und schreiben auch.

Termin: Ursachen von Legasthenie, 28. November, 19.30 Uhr, Legastheniezentrum der Christophorusschule in Oberurff.

• Ausbildung Legasthenietherapeut: www.cjd-oberurff.de Mail: akademie@christophorusschule-oberurff.de.

Von Christine Thiery

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