Zwei neue Stolpersteine verlegt – Kooperation von Geschichtsverein und Kulturverein

Unauffällige Mahnmale

Der Mann mit dem Hut: Künstler Gunter Demnig verlegt in der Fritzlarer Innenstadt zwei Stolpersteine. Fotos: Imgrund-Siebert

Fritzlar. Ein Mann klopft zwei Pflastersteine aus dem Gehweg in der Fritzlarer Altstadt, aber kein Fußgänger bleibt stehen. Gunter Demnig tut, was er schon oft getan hat: Er klopft Steine aus der Straße, um Platz zu schaffen für seine Stolpersteine – eine Kunstaktion des Kölners.

Am Dienstag war der Künstler in der Kasseler Straße 14, buddelte zwei Steine aus und legte goldene in das entstandene Loch. Doch es handelt sich nicht um irgendwelche Steine, es die Stolpersteine Nummer 73 und 74 in Fritzlar. „Jetzt fehlen noch sechs, dann sind alle 80 Steine verlegt“, sagte Clemens Lohmann, Vorsitzender des Fritzlarer Geschichtsvereins.

Erinnerung an die NS-Zeit

Auf den neuen Stolpersteinen sind die Namen von Siegfried Neugarten und Leopold Nussbaum zu lesen. Neugarten wurde 1898 geboren und 1940 von den Nationalsozialisten deportiert, Nussbaum, Jahrgang 1901, wurde 1943 deportiert. Die Nazis ermordeten ihn in Auschwitz, das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Neugarten gelang 1942 die Flucht aus dem französischen Gurs nach Belgien, wo er in einem Versteck überlebte. 1944 wurde er befreit.

Die Stolpersteine sollen an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Demnig lässt vor ihrem letzten, selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg ein. Auf den quadratischen Betonsteinen ist eine Messingplatte befestigt. Finanziert werden die sie durch private Spenden, sie kosten jeweils um die 90 Euro.

Die sechs Steine, die noch Teil des Stadtbildes werden sollen, sind bereits gestiftet worden. Sie liegen in einer Glasvitrine in der Touristinformation bereit. Ob und wann die Steine in den Boden gepflanzt werden können, sei abhängig davon, wie kooperativ die Eigentümer seien. „In der Kasseler Straße gab es einen Eigentümerwechsel“, sagte Lohmann, dadurch sei die Verlegung der Steine möglich geworden.

Die Stolpersteine ersetzen schon seit Jahren Steine vor Wohnhäusern, mittlerweile gibt es sie an über 500 Orten in Deutschland. „Fritzlar ist eine der ersten Städte, in der die Steine verlegt wurden“, sagte Lohmann.

2005 kamen die ersten Gedenksteine nach Fritzlar. Ins Rollen gebracht hatte alles Pfarrer Paulgerhard Lohmann, der die Geschichte der Juden in Fritzlar erforscht.

Clemens Lohmann erinnert sich noch daran, wann er die Verbrechen des Nationalsozialismus bewusst wahrgenommen hat. Seine Eltern berichteten dem damals 17-Jährigen vom Schicksal Blanka Löwensteins. „In der Pogromnacht haben Nazis ihr Klavier einfach aus dem Fenster geworfen“, erinnert sich Lohmann. Ihn habe das damals erschüttert, auch Demnigs Kunstaktion bewege ihn immer wieder. Ob die Fritzlarer noch darüber stolperten, sei eine andere andere Frage. • Gedenkveranstaltung: Freitag, 8. November, 19.30 Uhr zur Erinnerung an die Pogromnacht in Fritzlar.

Von Nina Nickoll

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