Jetzt kämpft sie um Entschädigung

Verhöhnt und gedemütigt: Helga Jontza ist ein Guxhagener Heimkind

Blättert in ihren Unterlagen: Viele der so genannten „Entwicklungsberichte“ hat Helga Jontza nur auf Gerichtsbeschluss bekommen. Foto: Rose

Stadtallendorf. Noch fast 50 Jahre später fühlt sich Helga Jontza gedemütigt und verhöhnt. Vom Staat und der Kirche. Die 59-Jährige ist ein Heimkind der 60-er Jahre.

13 Jahre wurde Helga Jontza unter massiver psychischer und physischer Gewalt in Einrichtungen in Maberzell bei Fulda und der Jugenderziehungsanstalt Fuldatal bei Guxhagen verwahrt.

Seit Jahren sammelt sie Beweise und kämpft um eine Opferentschädigung vom Landeswohlfahrtsverband und der Kirche. Die Stadtallendorferin heißt heute Weitzel, möchte ihre Geschichte jedoch unter ihrem Mädchennamen Jontza erzählen. „Vielleicht erinnern sich ehemalige Heimkinder an mich“, sagt sie. Bis heute weiß Helga Jontza nicht, warum sie und ihre vier Geschwister aus der Familie gerissen wurden.

Die Eltern schwiegen - bis zu ihrem Tod.

Was sich Helga Jontza im Leben an Würde zurück erkämpft hat - sie hat einen Beruf erlernt, ist Mutter von zwei Kindern und war bis vor fünf Jahren berufstätig - ist ihr in den vergangenen fünf Jahren Stück für Stück wieder geraubt worden. So lange schleppt sich das Verfahren um Opferentschädigung nun schon dahin. „Wir werden weiter verhöhnt und gedemütigt. Der Bischof hat sich zwar entschuldigt, mir aber gleich-zeitig eine Spendenaufforderung geschickt. Das war wie ein Schlag ins Gesicht“, erzählt Jontza.

Ihre Odyssee begann 1961 im Bischöflichen Kinderheim Maberzell. Da war die Stadtallendorferin neun Jahre alt. Disziplin und Gehorsam, harte Arbeit, körperliche Züchtigung und seelische Grausamkeiten - Helga Jontza hat nichts vergessen. Nicht die Bestrafungen mit dem Kleiderbügel im Refektorium, das schmale Essen, Kinder, die sich einnässten und in der nassen Wäsche schlafen mussten, die Medikamente, die man ihnen zur Ruhigstellung verabreichte. Vieles ist dokumentiert in den so genannten „Entwicklungsberichten“. Sie füllen, obwohl noch lückenhaft, schon einen dicken Ordner.

Bis 1966 war Helga Jontza in Maberzell untergebracht, nach und nach wurden die Geschwister getrennt. Ihre Brüder starben später an den Folgen der psychischen und physischen Gewalt. „Viele Kinder wurden im Heim zusehends aggressiv, woraufhin man sie mit Fesseln fixierte.“

Mit 15 zog Jontza kurz zur Schwester ihres Vaters, begann eine Frisörlehre. Doch dann folgte die wohl schlimmste Episode ihrer „Heimkarriere“, die Jugenderziehungs-anstalt Fuldatal bei Guxhagen. Auf ihrem Computer zeigt sie Fotos. Sie ähneln denen eines Zuchthauses: Spartanische Zellen, vergitterte Zellen und Holzpritschen. „Geleitet wurde das Heim von einer Frau in Uniform mit Reitpeitsche“, erzählt die 59-Jährige.

Zwei Mal versucht Helga Jontza, von dort zu flüchten. Mit grausamen Folgen: Sie wurde brutal geschlagen, später stundenlang im Keller eingesperrt, in eiskaltes Wasser gesteckt.

Ich werde dir schon deinen Willen brechen, habe die Heimleiterin gesagt. Gelungen ist ihr das nicht: „Ich will die Missstände in den Zuchthäusern der Fürsorge aufdecken“, sagt Helga Jontza. Die Recherche helfe ihr, das eigene Trauma zu verarbeiten. Das lange Verfahren nagt an ihr: „Aber ich habe überlebt. Und ich werde weiter Beweise sammeln, die die Wahrheit belegen.“

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