Haus ist zu 99 Prozent kompostierbar

Alternativer Baustoff: In Bovenden entsteht ein Gartenhaus aus Stroh

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Neubau aus Stroh: Bauleiter Claudio Fischer-Zernin (Mitte) und Bauherr Jan Fragel mit seinem Sohn Hannes (11) freuen sich über das fertiggestellte Gartenhaus. 

Bovenden. Ein Haus aus Stroh: Während das in Frankreich – dort gibt es über 4000 Strohhäuser – längst keine Seltenheit mehr ist, sorgt der Bau eines solchen Hauses hierzulande noch für Aufsehen.

In Bovenden entsteht gerade das erste Strohhaus im Landkreis Göttingen. Wenn es auch nur ein Gartenhaus mit 14 Quadratmetern ist, so ist das aus Holz und 105 Strohballen errichtete Bauwerk mit Passivhausstandard doch ein Gebäude, das allen gängigen Vorschriften entspricht.

Konkreter Plan

Eher durch Zufall ist Journalist und Moderator Jan Fragel aus Bovenden durch seinen Solaranlageninstallateur Claudio Fischer-Zernin aus Lichtenborn bei Hardegsen auf das Thema „Bauen mit Stroh“ aufmerksam geworden. Aus einer Schnapsidee wurde schließlich ein konkreter Plan, als das baufällige Gartenhaus neben dem Wohnhaus ersetzt werden musste.

Alternativer Baustoff: Ein Gartenhaus in Bovenden aus Stroh

Gesundes Wohnklima

„Ein gesundes Wohnklima, ein ohne viel Energieaufwand hergestellter, preiswerter Baustoff und langlebig wie andere Materialien - das alles spricht für den Baustoff Stroh“, sagt Fragel. Das ganze Haus ist zu 99 Prozent kompostierbar und mit einem Wärmedämmwert wie ein dreifach verglastes Fenster auch sehr verbrauchsenergieschonend.

Konservierung

Angst vor Feuer, im Stroh lebendes Ungeziefer sowie Feuchtigkeit und damit eine kürzere Lebensdauer des Hauses hat Fragel nicht. Denn sowohl von innen als auch von außen werden die in ein Holzrahmenwerk eingepassten Wände aus Stroh mit vor Ort angemischten Lehm verputzt und so dauerhaft konserviert.

Kalkfarbe als Schutz

Das schützt das Stroh von äußeren Einflüssen und sorgt für ein wohliges Raumklima: Solange der Lehmputz in Ordnung ist, ist auch das Stroh sicher verpackt. Außen wird der Lehm später zum Schutz mit einer Kalkfarbe versehen, auf der Westseite des schmucken Gartenhauses wird zusätzlich eine Verschalung aus Lärchenholz angebracht, um Schlagregen abzuhalten. Die Decken sind mit Zellulose gedämmt.

Treibhausgas

Ein konventionell errichtetes Haus setze allein beim Neubau mit den energieaufwändig hergestellten Baustoffen so viel Kohlendioxid frei wie ein Strohhaus inklusive Beheizung in seiner gesamten Lebensdauer, so Baustellenleiter Fischer-Zernin.

Prüfzeugnis

Von der Qualität hingegen sei Stroh heute ein Baustoff wie jeder andere und das Bauen mit Stroh deutlich vereinfachter, seit vor drei Jahren Stroh als Baustoff ein so genanntes „Allgemeines bauamtliches Prüfzeugnis“ erhalten habe – das erleichtere den Dialog mit den Behörden.

Pionier aus Lichtenborn

Der Lichtenborner war als Installateur von Solarstrom- und Solarwasseranlagen sowie Blockheizkraftwerken mit seinem Unternehmen „Umweltfreundliche Haustechnik“ einer der Pioniere der erneuerbaren Energien in der Region und will heute als ausgebildete „Fachkraft für Strohballenbau“ noch einen Schritt weiter gehen. An acht Strohgebäuden hat er mitgearbeitet, das ist sein erstes Haus in der Region.

Strohhausbau ist Versuchsphase entwachsen

Der Strohhausbau ist längst der Versuchsphase entwachsen: So entstand in diesem Jahr in Verden ein fünfgeschossiges Bürohaus, das mit mehr als 3000 Strohballen errichtet wurde.

Strohhausbau, so Fischer-Zernin, sei oftmals auch eine andere Art des Bauens: „Da kann man viel mehr mitmachen und sich einbringen, etwa beim Einpassen der Strohballen und beim Verputzen mit Lehm.“ Und so sind neue Strohhäuser häufig als „Mitmachbaustellen“ für interessierte Häuslebauer, für die es Infos unter www.strohbau-libo.de gibt, ausgelegt.

Auch in Bovenden: Neben einer Handwerkerfortbildung der Energieagentur Göttingen tummelten sich an zwei Wochenenden auch etliche Bauhelfer in Fragels Garten – so zum Beispiel auch die Biologiestudentin Lisa Bauer (26) und ihr Freund Stephan Mucha (39) aus Leipzig.

Für den Statiker, der langfristig den Bau eines Strohhauses plant, ist es seine nunmehr fünfte Mitmachbaustelle, das Verputzen mit Lehm geht ihm mittlerweile flott von der Hand.

Und seine Freundin Lisa schwärmt: „Stroh und Lehm – das riecht gut, das fühlt sich gut an und das ist entspannend.“ Man könne nichts verkehrt machen und alles anfassen – das gebe einem ein gutes Gefühl.

Die Kosten für den Strohhausbau sind abhängig von Haus und Dachform, sollen aber in aller Regel fünf bis zehn Prozent günstiger als ein Neubau in herkömmlicher Bauweise sein. Weitere Infos gibt es im Internet. 

www.fasba.de

Drei Fragen an Claudio Fischer-Zernin

Mit dem Thema Strohhausbau beschäftigt sich Claudio Fischer-Zernin ganz intensiv. Der 58-jährige Handwerker kommt aus Lichtenborn im Landkreis Northeim.

Für viele Menschen ist der Gedanke, in einem Haus aus Stroh zu wohnen, eher ungewöhnlich. Was sind die Vorteile des Bauens mit Stroh?

Claudio Fischer-Zernin: Strohgedämmte Wände sind Isolierung und Wandbaustoff in einem, mit einem sehr geringen Energieaufwand bei der Herstellung. Der einfache Wandaufbau ermöglicht gleich das Verputzen, innen mit Lehm und außen mit Lehm oder Kalk. Lehmverputzte Häuser haben ein sehr gutes Raumklima.

Wie stabil ist so ein Haus? Und muss ich mir als Hausbauer Sorgen um Ungeziefer, Feuergefahr und Schimmel machen?

Fischer-Zernin: Seit 2014 hat Baustroh die „Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung des deutschen Instituts für Bautechnik“. Das bedeutet, die hohen deutschen Baustandards werden erfüllt, was Brandschutz, Qualität und Wärmedämmwert sowie Passivhausstandard angeht.

In Frankreich gibt es bereits 4000 Strohhäuser, in Deutschland erst 400. Was muss passieren, damit dem Öko-Baustoff auch hierzulande der Durchbruch gelingt?

Fischer-Zernin: Es sind engagierte Baufrauen und -herren, die sich dafür interessieren, „ihr Haus“ umweltfreundlich und langlebig bauen zu wollen. Architekten lassen sich hingegen nur schwer auf neue Gleise setzen. In Frankreich werden zunehmend auch öffentliche Bauten, Kindergärten, Schulen sowie Häuser im sozialen Wohnungsbau mit Stroh gebaut. Angedacht werden könnte als Anreiz in Deutschland, Strohballenhäuser als „CO2-Sparkasse“ zu fördern. Denn ein Quadratmeter Strohwand spart bei der Erstellung etwa 83 kg CO2 ein - etwa so viel, wie ein konventionell gedämmtes Steinhaus beim Bauen die Atmosphäre verschmutzt. 

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