Die DDR wurde wachgeküsst

Literaturherbst: Simon Urban las aus seinem Buch „Plan D“ im Grenzmuseum

Göttinger Literaturherbst: Simon Urban las aus „Plan D“ im Grenzlandmuseum Teistungen. Foto: Keller

Göttingen/Teistungen. Die Rückkehr der DDR schildert der Autor Simon Urban in dem Buch „Plan D“: Seine Lesung beim Göttinger Literaturherbst war ausverkauft. Sie fand statt im Grenzlandmuseum Teistungen, nur wenige Schritte entfernt von der früheren Kontrollstelle der DDR.

In „Plan D“ ist die DDR ist wieder auferstanden: 2011, 22 Jahre nach dem Zusammenbruch, herrschen abenteuerliche Zustände. Die deutschen Staaten setzen auf Kooperation und verhandeln über milliardenschwere Abkommen um Gaslieferungen, bei denen ein Bundeskanzler Oskar Lafontaine eine Rolle spielt.

„Plan D“ wie Deutschland will eine andere DDR: offene Grenzen, schrittweiser Abbau der Stasi, Verzicht auf Zensur, Einführung eines echten Parlamentarismus. Der gefürchtete Staatssicherheitsdienst entmachtet. Die Volkspolizei darf gegen Stasi-Leute ermitteln und wird dabei von westdeutschen Kollegen unterstützt.

Simon Urban beweist mit seinem Buch „Plan D“ nicht nur blühende Phantasie, sondern auch brillantes Orts- und Detailwissen im anderen Teil Deutschland. „Plan D“ ist eine Reise in die Vergangenheit, aber mit modernen Akzenten: Klar, dass auch im Osten die Displays von Handys aufleuchten. Der legendäre Trabi wird durch den „Phobis“ abgelöst.

Der schnoddrige Ton des Hauptmanns der Volkspolizei, Martin Wegener, und seiner Kollegen erinnert an das Auftreten westdeutscher „Tatort“-Größen: Immer locker bleiben. Und auch die militärischen Dienstgrade haben bei der VP überlebt. Der Fall, den Wegener aufzuklären hat: Der Ex-Berater von Egon Krenz wird ermordet. Hauptmann Wegener sucht nach den Schuldigen – und findet Wahrheiten über sein Land.

Kein Kind der DDR

Autor Simon Urban ist kein Kind der Zone, er berlinert nicht und hat auch keinen sächsischen Akzent. Der 39-Jährige aus Hagen (Westfalen) musste sich den Lokalkolorit erarbeiten, bei vielen Besuchen, Gesprächen, Stadtgängen, wie er sagt. Wie man denn auf so ein ausgefallenes Thema komme, wollte Gastgeber Ben Thustek, pädagogischer Leiter im Grenzlandmuseum, wissen. Urban wollte die DDR „wach küssen und einen unterhaltsamen wie spannenden Roman jenseites der Alltagskrimis schreiben“. Das hat ihm sichtlich Spaß gemacht.

Moderator Thustek erinnerte an die reale Geschichte : Am 20. Januar 1990 gab es die spektakuläre Koffer-Demo, bei der 40 000 Eichsfelder mit Gepäck von Worbis nach Duderstadt wanderten: Wir gehen, wenn die SED bleibt, war die Aussage zwei Monate vor der ersten freien Volkskammer-Wahl.

Erstmals gingen die Veranstalter des Göttinger Literaturherbstes ins Umland und über die Landesgrenze nach Thüringen. Das Experiment hat sich gelohnt: Der Saal war überfüllt. Das Thema DDR sei auch in der südniedersächsischen Region angekommen, sagte Ben Thustek.

Von Werner Keller

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