Kreis Göttingen: Busfahrt zu Orten der Zwangsarbeit

Auf den Spuren der Zwangsarbeit: Eine von Günter Siedbürger fachkundig geleitete Exkursion führte durch den östlichen Teil des Landkreises Göttingen – auch nach Rhumspringe. Foto: Böhne

Göttingen. 50 Interessierte nahmen am Wochenende an einer Bus-Exkursion zu Orten der NS-Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen teil. Die Bustour wurde als Ergänzung der Dauerausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ angeboten.

Maßgeblich gefördert wurde sie durch das Netzwerk „Partnerschaft für Demokratie (PfD) im Landkreis Göttingen“. Neun Stationen hatte der Kulturwissenschaftler und Günther Siedbürger für die Exkursion ausgewählt.

Erster Halt war Reyershausen. Im Saal der ehemaligen Gastwirtschaft Degenhardt waren einst russische und ukrainische Zwangsarbeiter untergebracht. Sie arbeiteten für die Aerodynamische Versuchsanstalt der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (AVA), die ihren Sitz in der Göttinger Bunsenstraße hatte. In einem stillgelegten Kali-Schacht wurde unter Geheimhaltung an einer Versuchsreihe über Flugeigenschaften gearbeitet. Die Zwangsarbeiter mussten Bauarbeiten verrichten.

Weiter führte die Exkursion zu den Jacobi Tonwerken in Bilshausen, den ehemaligen Schickert-Werken in Rhumspringe und zum Standort ehemaliger Barackenlager in Hilkerode. In den Schickert-Werken sollte Treibstoff für deutsche Düsen- und Raketenflugzeuge produziert werden. Seit Oktober 1942 wurde unter Hochdruck ein Werk errichtet. Auf der Großbaustelle herrschten furchtbare Bedingungen. Das Arbeitstempo war scharf und die Arbeiten waren schwer. Es gab viele Unfälle, einige endeten tödlich.

Ein junger Zwangsarbeiter, der das Kugellager eines Güterwaggons mit Sand bestreut hatte, anstatt es mit Öl zu schmieren, wurde denunziert und auf dem Sportplatz von Rhumspringe öffentlich erhängt. Bevor das Werk die Produktion aufnehmen konnte, wurde es von amerikanischen Truppen eingenommen.

Detailliert referierte Günther Siedbürger über die Arbeitsbedingungen, die Unterbringung und die Ernährungssituation. Bei einem Zwischenstopp an der Domäne Himmigerode bei Sattenhausen zitierte Siedbürger Aussagen früherer Zwangsarbeiter, die von Misshandlungen durch den Pächter Wissemann berichtet hatten.

Den Abschluss bildete ein Halt in Diemarden. Der Pächter des Klosterhofs Diemarden, Friedrich Rollwage, war laut Siedbürger einer der wenigen, die nach dem Krieg zur Verantwortung gezogen wurde. Rollwage wurde von einem polnischen Gericht verurteilt und verbüßte in Polen eine Freiheitsstrafe.

 

• Am Samstag, 21. Mai wird eine weitere Bus-Exkursion angeboten. Sie führt in den Süd-Westen des Landkreises Göttingen. Karten können mittwochs und freitags von 10 bis 16 Uhr in der Ausstellung „Auf der Spur“ in der BBS II, Godehardstraße 11 in Göttingen erworben werden, Tel.: 0551/29346901.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.