Von den K-Gruppen zur Antifa (M) - Heute rund 250 Gewaltbereite

Die Geschichte der autonomen Szene in Göttingen

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Zerstört: Auch ein Fahrzeug der Städtischen Werke fiel im November 2008 einem Brandanschlag zum Opfer.

Göttingen. Göttingen gehört neben Berlin und Hamburg seit mehreren Jahrzehnten zu den Hochburgen der linksextremen Szene. Warum sich die autonome Szene hier so hartnäckig halten und kontinuierlich Nachwuchs rekrutieren konnte, darüber kann man nur spekulieren.

Eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung dieses Phänomens gibt es bislang nicht. Ein Aspekt dürfte sicher eine Rolle spielen: Vor allem im akademischen Milieu der traditionsreichen Universitätsstadt stößt die linksextreme Szene auf sehr viel mehr Verständnis und Unterstützung als anderswo.

Kampf gegen Atomanlagen

Entstanden ist die autonome Bewegung in den 1980er-Jahren, vorher hatten die so genannten K-Gruppen die außerparlamentarische Opposition dominiert. Im Zentrum der Aktivitäten stand vor allem der Widerstand gegen den Bau neuer Atomanlagen in Wackersdorf, Brokdorf und Gorleben sowie der Startbahn-West in Frankfurt.

Ein anderes zentrales Aktionsfeld war der so genannte Häuserkampf, also die Besetzung leer stehender Wohnungen und Gebäude. Die Autonomen bezeichnen sich als antifaschistisch und antirassistisch, das Gewaltmonopol des Staates lehnen sie ab. Auf Demonstrationen, wo sie sich stets als „Schwarzer Block“ formieren, beschimpfen sie die Bundesrepublik immer mal wieder als „Faschistenstaat“.

Bei ihrem Kampf gegen den „repressiven“ Staat setzen manche Aktivisten auch auf Militanz. So gab es bis in die 1990er-Jahre hinein über 50 Brandanschläge auf Banken, Parteibüros, Universitätsgebäude, Behörden und zahlreiche weitere Einrichtungen. Die Urheber der Anschläge, bei denen Schäden in Millionenhöhe entstanden, wurden nie gefasst. Immer wieder kam es damals in der Göttinger Innenstadt zu Krawallen und Scherbendemos, bei denen reihenweise Schaufenster zertrümmert wurden.

Ein zentraler Treffpunkt der Göttinger Autonomen ist das Jugendzentrum Innenstadt (JuZi). 1986 veranstaltete die Polizei dort eine Großrazzia und unterzog alle 400 Besucher einer erkennungsdienstlichen Behandlung. Später befand ein Gericht, dass die Aktion rechtswidrig gewesen sei – ein Debakel für die Polizei.

Besonderen Auftrieb erhielt die autonome Szene nach dem Tod von Cornelia Wessmann im November 1989. Die Studentin war bei Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Rechtsextremisten von einem Polizeiauto erfasst und tödlich verletzt worden.

Eine besondere Rolle spielte die 1990 gegründete Autonome Antifa (M), die sich um ein breiteres Bündnis mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen bemühte. Die Bundesanwaltschaft klagte später 17 Mitglieder wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung an. Ihnen drohte ein jahrelanger Prozess. Am Ende wurden die Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt. 2004 löste sich die Gruppe auf.

Nachdem es mehrere Jahre relativ ruhig geblieben war, begann im Herbst 2006 eine Serie von Brandanschlägen auf Autos. Auch hier vermuten die Ermittler die Täter im linksextremen Spektrum, ebenso bei dem Brandanschlag auf die Ausländerbehörde der Göttinger Kreisverwaltung im Januar 2010. Die Polizei schätzt, dass derzeit rund 250 Angehörige der autonomen Szene dem gewaltbereiten Spektrum zuzurechnen sind.

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