1956 kehrten die letzten Kriegsgefangenen über Friedland heim

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Warten: Unter den Angehörigen, die im Lager Friedland die Heimkehrer erwarten, steht ein kleiner Junge aus Erbsen im Landkreis Göttingen mit einem Suchschild. Anfang Oktober 1955 traf einer der letzten großen Heimkehrertransporte mit 602 ehemaligen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion im Lager.

Friedland. Selten in der deutschen Geschichte liegen Freud und Leid so dicht bei einander, wie in jenen Tagen zwischen Oktober 1955 und Anfang 1956:

An den Straßen und im „Lager Friedland“ werden die letzten Spätheimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft von Tausenden begeistert empfangen. „Wir sind die letzten der Soldaten des großen Krieges“, sagt der Sprecher der Heimkehrer. Die Freude über das Wiedersehen der Angehörigen nach mehr als einem Jahrzehnt können viele Heimkehrer aber nicht ausleben. Sie sehen die verzweifelt Wartenden, die keine Rückkehrer in die Arme schließen können. Der Tag der letzten Heimkehrer wird für die Enttäuschten zu nie endenden Schicksalsstunden: Der Mann, Vater oder Onkel wird nicht mehr kommen.

„Es war auch ein Tag der Wahrheit, der bitteren Gewissheit“, sagt Heinrich Hörnschemeyer, der heute das Grenzdurchgangslager leitet. Von den mehr als drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion kam nur etwa jeder Vierte zurück – viele von ihnen über das 1945 eröffnete Lager Friedland.

Allein in den ersten viereinhalb Jahren von 1945 bis 1950 kommen knapp 1,6 Millionen Flüchtlinge und Evakuierte in Friedland an, werden registriert und weitergeschickt. Das waren pro Tag etwa 1200. „Eine logistische Meisterleistung – und das alles ohne EDV-Unterstützung“, sagt der heutige Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer. „Heute leben bei uns etwa 1400 Menschen. Das sind viele, aber im Vergleich zu damals haben wir heute natürlich viel bessere Bedingungen.“

Am 14. Januar 1956 treffen auch 452 nichtamnestierte Heimkehrer/Kriegsverbrecher zunächst in Herleshausen ein – in plombierten Güterwagen. Sie werden nicht in Friedland empfangen, sondern in die Kaserne in Hann. Münden gebracht.

In Friedland wiederum stehen am 16. Januar 1956, als der letzte große Schwung russischer Kriegsgefangener erwartet wird, wieder – wie so oft in den vergangenen vier Monaten – viele Angehörige mit selbstgemalten Schildern und Fotos: „Wer kennt ihn? Leutnant Heinz Krüger.“ Viele werden dort noch stehen, nachdem die Zeremonie längst vorbei ist, bis kein Bus mehr in das Lager einfährt. Heinz Krüger ist nicht dabei.

Die Wartenden sind die Vergessenen in der Jubel-Story um die Spätheimkehr, die einen Deutschen zum Helden macht: Bundeskanzler Konrad Adenauer. Er nutzt im September 1955 nach dem Tod Josef Stalins das Tauwetter im Kalten Krieg und vereinbart die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus russischen Lagern.

Am 7. Oktober fahren 13 Busse von Herleshausen durch ein Spalier Jubelnder bis in das von Menschen übervolle Lager Friedland. Ironie der Geschichte: Adenauer, der den Deutschen wohl nie so nah wie an diesem Tag ist, liegt mit einer Grippe im Bett.

Für viele, wie den späteren Lehrer Walter Spohr aus Hameln, ist Friedland so etwas wie ein zweiter Geburtsort, ein Denkmal der Nächstenliebe. Für alle ist es das Tor in die Freiheit, für manche die Schleuse in eine ungewisse Zukunft. Sie haben kein Geld, keine Arbeit, keine Familie – oder ihre Gefühle verloren.

Ein Junge hält verzweifelt ein Schild hoch: „Ich will endlich meine Mutti kennenlernen!“ Nicht nur Männer werden erwartet. 100.000 Frauen waren als Zwangsarbeiterinnen verschleppt worden.

Heute kommen Kriegsflüchtlinge zu Tausenden ins Grenzdurchgangslager Friedland. . Manche von ihnen haben nichts – außer eine ungewisse Zukunft.

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