Handy-Disco im Museumsfoyer: Flüchtlinge organisieren in Friedland besondere Veranstaltung

Tanzen in der Cellphone Discotheque: Die Syrerin Samah al Jundi (Mitte, mit blauem Kopftuch) organisiert die Treffen, bei denen Flüchtlinge im Foyer des Museums Friedland zu Handy-Musik tanzen können. Foto: epd

Friedland. Seit einem halben Jahr erzählt das Museum Friedland in einem alten Bahnhof die Geschichte von Flüchtlingen seit 1945. Jetzt öffnet es seine Türen für Flüchtlinge von heute und lädt sie mit der „Handy-Disco" zum Tanzen ein.

Es dauert ein paar Minuten, bis Samah al Jundi ihr Mobiltelefon, ein Notebook und die Lautsprecheranlage des Museums miteinander verbunden hat. Doch als es klappt schallt syrische Popmusik aus Boxen.

Arabische Polonaise

Innerhalb weniger Augenblicke sind 15, 20, 25 Menschen auf der Tanzfläche - sie alle sind Flüchtlinge, die im Grenzdurchgangslager Friedland leben. Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche fassen sich an den Händen, bilden einen Kreis und bewegen sich in einer Art arabischer Polonaise durch das Museumsfoyer. Einige singen die Texte der Stücke mit.

Bei der „Cellphone Discotheque“ im Museum Friedland ist al Jundi Organisatorin, DJ und Animateurin. Die Veranstaltungsreihe begann am Weltflüchtlingstag. Als das Museum einen Tag der offenen Tür veranstaltete, fragten Flüchtlinge aus dem Lager, ob sie die auf ihren Handys gespeicherte Musik im Foyer abspielen dürften.

Al Jundi winkt und klatscht und fordert damit alle, die noch sitzen, zum Mitmachen auf. Fast 100 Gäste, die meisten von ihnen sind Geflüchtete aus Syrien und dem Irak, drängen sich in dem kleinen Raum. Auf den Bänken an der Wand sitzen Mütter mit Babys auf dem Schoß, auch mehrere Alte im Rollstuhl sind dabei.

Menschen sollen mitgestalten

Das Museum Friedland war im März im Bahnhof des Ortes eröffnet worden. Eine „Fluchtpunkt Friedland“ betitelte Dauerausstellung dokumentiert auf etwa 350 Quadratmetern die Geschichte des 1945 errichteten Lagers.

Die Museumsmacher wollen nicht nur Schicksale von Flüchtlingen zeigen, sondern diese auch einladen, das Museum mitzugestalten. „Durch diese Arbeit wollen wir erfahren, was diese Menschen umtreibt, die unsere Nachbarn sind“, sagt Kurator Joachim Baur. Das Museum profitiere von der Zusammenarbeit: „Die Geschichten der Menschen, die hier ankommen, sollen Eingang finden in unsere Erzählung.“

Im Foyer sind fast alle guter Stimmung. „Jetzt will ich auch tanzen“, ruft Hagop Shahinian. Der syrische Christ aus Aleppo, der seit 2009 im Lager ehrenamtlich als Diakon tätig ist, springt auf und schiebt seinen massigen Körper mit erstaunlicher Eleganz über die Tanzfläche.

Unvermittelt dreht al Jundi die Musik aus und macht eine Ansage. Mohamad Kol Koul, ein junger syrischer Kurde, greift zur Bouzouki, spielt und singt ein melancholisches Lied aus den kurdischen Bergen. Es wird still im Raum. Auch einige Afrikaner und Aussiedler aus Kasachstan, die am Eingang stehen und sich nicht richtig in den Raum getraut haben, stellen ihre Unterhaltung ein. Und draußen donnert ein Güterzug vorbei. (epd)

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