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Autismus: Es gibt nicht nur den „Rain Man“

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Von: Melanie Göhlich

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Freuen sich auf interessierte Besucher: Renate Zeuner vom Göttinger Autismus-Therapie-Zentrum und Tim S., bei dem vor einem Jahr das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde.
Freuen sich auf interessierte Besucher: Renate Zeuner vom Göttinger Autismus-Therapie-Zentrum und Tim S., bei dem vor einem Jahr das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. © Triesch/HNA

Göttingen. Als Dustin Hoffman in dem Hollywood-Klassiker "Rain Man" Karten und Streichhölzer in rasender Geschwindigkeit zählte, wurde für viele Zuschauer ein bestimmtes Bild von Autisten geschaffen. Dieses Bild möchte das Göttinger Autismus-Therapie-Zentrum zum Welt-Autismus-Tag am Mittwoch gerade rücken.

Renate Zeuner (Vorsitzende von Autismus Göttingen e.V.) und Tim S. sind sich einig, dass sie das Bild vom "hochbegabten, aber emotionslosen Menschen” von Klischees befreien, gerade rücken und es um viele Facetten erweitern wollen.

Und tatsächlich, im Gespräch mit dem 22-Jährigen, ist zunächst nichts von seiner Diagnose zu bemerken. Ein wenig schüchtern zwar, aber geistig wie emotional unauffällig: Ein junger Mann mit Abitur und Führerschein, der in einer Wohngemeinschaft lebt, Hockey spielt und demnächst eine Ausbildung als Fachkraft für Lagerlogistik beginnt. Aber bei Tim S. wurde vor einem Jahr Asperger Autismus diagnostiziert.

„Und dennoch bin ich kein bisschen wie Rain Man“, betont der 22-Jährige und lacht. Ja – er kann lachen, versteht Scherze und ist auch sonst in der Lage, Emotionen klar auszudrücken. Keine Selbstverständlichkeit bei Autisten. „Aber alles eine Sache des Trainings“, versichert Renate Zeuner. Training und Fördermaßnahmen, die das Autismus-Therapie-Zentrum in Göttingen für jeden Betroffenen individuell zusammenstellt.

Und sie weiß, wovon sie spricht – als Mitgründerin des Göttinger Therapiezentrums und Mutter eines autistischen Sohnes hat sie jahrelange Erfahrung auf dem Gebiet. Aber so einen Fall wie den „Rain Man“ habe sie noch nie erlebt. Dabei sind allein im Göttinger Autismus-Therapie-Zentrum 120 Klienten in Behandlung. Aber alle unterscheiden sich, versichert sie.

Kaum Inselbegabte 

„Autismus ist auch nicht gleich Hochbegabung“, erklärt die Expertin. Autisten werden oft fälschlicherweise als „Savants“ beschrieben. Dabei sind Savants Menschen mit einer oder mehreren extremen Inselbegabungen in einem Gebiet. Es gibt weltweit etwa 100 Savants, aber nur die Hälfte davon ist autistisch. Die Hauptfigur Raymond Babbitt im Film „Rain Man” wäre – angenommen er sei real – einer dieser 50 autistischen Savants. Aber auch bei dieser Rolle wurden mehrere autistische Merkmale vermischt, verdeutlicht Zeuner. Die einzige Gemeinsamkeit, die man bei Autisten festlegen könne, sei ein gewisser Hang zum „Eigenbrödlerischen“, erklärt Tim. Man sei gern unter sich – Einzelgänger eben, um Reizüberflutung zu vermeiden.

Weil sie Einzelgänger sind, gelten sie oft als sonderbar. Die Folge ist daher nicht selten, dass Betroffene Probleme damit haben, soziale Kontakte zu knüpfen. Dabei seien Asperger-Autisten, so Tim S., eigentlich nicht krank oder behindert, sondern nur eines: „anders“.

Und dies auch nur in der Betrachtung der breiten Masse, die hierauf nicht selten mit Mobbing und Ablehnung reagiert. Wer autistische Menschen als gefühlskalt beschreibt, tut ihnen Unrecht.

Tag der Offenen Tür 

Das Autismus-Therapie-Zentrum lädt heute von 14 bis 18 Uhr zum Tag der Offenen Tür, in die Weender Landstraße 59 in Göttingen ein.

Weitere Informationen unter www.autismus-goettingen.de

Hintergrund

Symptome der Autismus-Spektrums-Störung „Asperger-Syndrom“

„Den“ Autismus oder „das“ Asperger-Syndrom gibt es nicht.

Jeder Mensch mit einer solchen Diagnose erlebt seinen Autismus anders, die Symptome und deren Ausprägungen sind verschieden.

In der Diagnostik spricht man zwischenzeitlich von der Autismus-Spektrums-Störung, kurz ASS, und dazu gehören der frühkindliche Autismus, der atypische Autismus und das Asperger-Syndrom. Diese Störungen gehören zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen.

Autismus wurde erstmals in den 40er Jahren von Leo Kanner und Hans Asperger beschrieben.

Die Bezeichnung Asperger-Syndrom umschreibt unter anderem eine Kontakt- und Kommunikationsstörung mit qualitativen Beeinträchtigung der gegenseitigen sozialen Interaktion.

Also die Fähigkeit Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, Interesse und Aktivitäten mit anderen zu teilen ist eingeschränkt und es zeigen sich Auffälligkeiten im nichtverbalen Verhalten.

Betroffene können nur eingeschränkt emotional mit reagieren und somit an der Freude, an Ärger oder auch an der Wut anderer nicht entsprechend teilhaben.

Von Melanie Triesch

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