Lilienthals Segler von 1891 wird nachgebaut und in Göttingen erforscht

Erstes Serienflugzeug der Welt: Der Gleiter von Otto Lilienthal wurde mindestens neunmal gebaut und später auch rekonstruiert. Jetzt soll das erstmals strikt nach historischem Vorbild und mit wissenschaftlicher Begleitung des DLR geschehen. Foto: DLR/nh

Göttingen. Der Gleiter des Flug-Pioniers Otto Lilienthal wird zum ersten Mal korrekt nachgebaut: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) wird das Flugzeug bauen lassen und untersuchen, auch in Göttingen.

Otto Lilienthal gilt als erster Flieger der Menschheit. 1891 segelte er mit seinem Gleiter von Hügeln hinab. Und: Sein Eigenbau, seine Flüge brachten wertvolle Erkenntnisse für den ersten Motorflug der Gebrüder Wright und Flugzeugbauern wie Hugo Junkers.

Möglich machten das die Publikationen Lilienthals und hervorragende Fotografien, die für Aufsehen sorgten. Das DLR lässt nun mit Hilfe der Original-Konstruktionszeichnungen das erste Serienflugzeug der Welt, den „Normalsegelapparat“ in Anklam nachbauen. Von dem Segler gab es einst neun Exemplare, die weltweit verkauft wurden.

Nachbauten existieren einige, aber nun entsteht zum ersten Mal eine historisch korrekte Kopie, wie das DLR mitteilt. Dabei wird Wert auf Details gelegt: Stoffproben von Original-Lilienthal-Gleitern werden genauestens untersucht, um die Qualität der Bespannung zu ermitteln. „Die ersten Stoffproben waren bereits zu Untersuchungen in Göttingen“, sagt DLR-Sprecher Jens Wucherpfennig.

Hinab vom Hügel: Otto Lilienthal in seinem Gleiter. Der Flugpionier hat auch hervorragende Fotos hinterlassen. Foto: DLR/nh

Der fertige Nachbau wird im April in einem der größten Windkanäle Europas, in Marknesse in den Niederlanden, untersucht werden. Davor oder danach kommt Lilienthals Gleiter ins Göttinger DLR-Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik. „Dann wollen wir die Flugmechanik und aerodynamische Leistungsfähigkeit erfassen und Fragen beantworten“, sagt DLR-Institutsleiter Prof. Andreas Dillmann und nennt Fragen: „Wie weit konnte er je nach Absprunghöhe fliegen? In welchen Bereichen konnte er stabil und sicher fliegen?“

Dillmann sieht in Lilienthal das Vorbild aller heutigen Luftfahrtforscher: „Lilienthal war der erste wissenschaftlich arbeitende Aerodynamiker. Vorher gab es eigentlich nur Bastler.“ Die Göttinger Forscher wollen auch beweisen, dass Lilienthal ein Flugzeug gebaut hat, das um alle drei Achsen stabil ist. Unter die Lupe genommen wird das Flügelprofil und die Frage, wie vergleichbar es mit heutigen Profilen ist. Getestet und untersucht wird in Göttingen ebenfalls, wie das Flugzeug nur durch Gewichtsverlagerung gesteuert wurde.

Wir wollen damit nicht nur die Wurzeln der Luftfahrt wissenschaftlich analysieren, sondern auch einen der größten Luftfahrtpioniere würdigen“, beschreibt Prof. Rolf Henke, DLR-Luftfahrtvorstand. Als „die“ deutsche Luftfahrtforschungsorganisation kehre man damit an den Ursprung zurück. „Unsere Arbeiten bauen auf das wissenschaftliche Erbe Lilienthals auf.“

Und: Die DLR-Forscher wollen zudem das Geheimnis um die Ursache des tragischen Absturzes vom 9. August 1896 bei Stölln am Gollenberg klären, nachdem Otto Lilienthal ums Leben kam.

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