Intensiver Literaturherbst-Abschluss mit Benjamin von Stuckrad-Barre

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Zurück im Deutschen Theater: Benjamin von Stuckrad Barre liest zum Abschluss des Literaturherbstes.

Göttingen. Die Gerüchte-Küche brodelte: Kommt Kumpel Udo, kommt er nicht? Lindenberg taucht am Sonntag zur Lesung von Benjamin von Stuckrad-Barre nicht auf. Das macht aber nichts.

Denn der Autor hat etwas anderes im Fokus: seine Göttinger Vergangenheit und den 2014 früh verstorbenen Literaturherbst-Macher Christoph Reisner. Stuckrad-Barres Wurzeln liegen quasi um die Ecke: Gewohnt hat er im Hainholzweg und sein Abi hat er sich 1994 „im Max-Planck-Gymnasium nebenan erschlichen“.

Immerhin erklingt als Intro im DT Lindenbergs „Honky Tonky Show“. Udos Liedertexte begleiten Stuckrad-Barres Jugend, ja sein ganzes, nun 41 Jahre währendes Leben. Der Titel seiner intensiven Autobiografie „Panikherz“ kommt also nicht von ungefähr.

Stuckrad-Barres hat sich stark an Stars und Vorbildern orientiert: Udo Lindenberg, Friedrich Küppersbusch und Harald Schmidt.

Mit seiner frech-forschen Art, schafft er es, alle Genannten kennen zu lernen, arbeitet zeitweise für sie. Panik-Udo bleibt ein enger, unterstützender Freund – im Gegensatz zu Harald Schmidt –, als Stuckrad-Barre metertief im Kokain-Pulver und zeitweisen Wahnsinn versinkt. Am Sonntag liest er diese Passagen in klaren Worten, ohne Aggressivität und durchaus mit Humor.

Christoph Reisner aber hat Stuckrad-Barre zuvor „auf den Weg des Lebens gebracht“, die Begeisterung für die Literatur angefacht. Sie lernen sich kennen, als Reisner im Ein-Mann-Betrieb das Stadtmagazin „Nightlife“ herausgibt. Benjamin schreibt für das Blatt. Später erfindet Reisner den Göttinger Literaturherbstes – und Stuckrad-Barre macht natürlich mit, so wie er mit Reisner im Cafè-Kadenz sitzt, raucht und speist. „Was ist eigentlich heute aus dem Kadenz geworden, eine Hafenkneipe, eine Hafenkneipe?!“, entrüstet sich der Vorleser.

„Er ist der Mitarbeiter, der am längsten dabei ist“, sagt „Herbst“-Geschäftführer Johannes-Peter Herberhold in der Anmoderation. Stuckrad-Barre widerspricht nicht, was er sonst gerne tut.

Schnippisch und bissig, das kann er aber auch an diesem Abend im DT: Als er auf das aktuelle Literaturherbst-Plakat schaut, fragt er: „Wer ist das denn? Die Tagesschausprecherin Zervakis? Was macht die? Vielleicht ist ihm dieses Literaturherbst-Programm zu populär, oder er vermisst schlicht sein Konterfei, das des Ur-Mitarbeiters, auf dem Banner.

Egal: Damit, dass er im ausverkauften DT auf der Bühne steht, erfüllt sich ein Jugendtraum. Am Ende, nach 90 Minuten Lesung, bedankt er sich gerührt beim Publikum. Benjamin von Stuckrad-Barre ist wieder voll im Leben. Ein Vorbild-Freund – Reisner – ist nicht mehr dabei. „Ich hoffe, Du hast zugehört.“

Fazit: Eine Lesung, wie das Buch, humorvoll, schonungslos und intensiv. Nur: Das wiederholte und pseudo-witzige Werben für das Buch hätte sich Stuckrad-Barre schenken dürfen. Gekauft wurde es ohnehin, die lange Schlange vor dem Tisch, an dem der Autor Widmungen schrieb, spricht Bände.

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