Fragen und Antworten

Bilanz zum Demo-Samstag in Göttingen: Weniger Randale als befürchtet

+
Bürgern gegen Rechts: Demonstrationszug am Samstagvormittag in Göttingen gegen eine NPD-Kundgebung am Bahnhof. Hinter den Teilnehmern der Aktion von Bündnis gegen Rechts sind die Aktivisten der Antifa-Gruppen zu sehen.

Göttingen. Ein NPD-Marsch durch die Innenstadt war von der Stadt verboten und von den Gerichten für statthaft bestätigt worden.

Vor dem Göttinger Bahnhof durften die Rechtsradikalen eine Kundgebung abhalten. Etwa 900 Menschen protestierten dagegen. 1100 Polizisten waren im Einsatz. Hier unsere Analyse des Demo-Samstags.

Wie war die Ausgangssituation, wie groß waren die Befürchtungen bezüglich Gewalttaten?  

Erinnerungen an heftige Ausschreitungen 2005 ließen Schlimmes befürchten, auch die Tatsache, dass radikale Linke und Antifaschisten inklusive „Schwarzer Block“ aus ganz Deutschland ihr Kommen angekündigt hatten. Polizeipräsident Uwe Lührig hoffte optimistische auf einen „relativ ruhigen Samstag“. Er sollte weitgehend Recht behalten.

Wie war die Lage am Samstagvormittag? 

Zunächst gab es einen Demonstrationszug des Bündnis gegen Rechtes von der Synagoge durch die Innenstadt bis zum Bahnhof. Das Bündnis ging vorneweg, dahinter mit Abstand ein Jugendblock der Antifaschistischen Jugend Göttingen und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend – fast alle Teilnehmer in Schwarz gekleidet. Danach folgte eine Kundgebung – auch mit Rednern der Gewerkschaften – am Südteil des Bahnhofsvorplatzes.

Wie viele NPD-Sympathisanten kamen? 

Knapp 100 versammelten sich ab 11.30 Uhr auf einem abgezäunten Areal vor der Ostseite des Bahnhofs – geschützt durch ein massives Polizeiaufgebot. Vor dem Haupteingang standen sich Rechte und Gegendemonstranten, getrennt von der Polizei, nah gegenüber. Es blieb bei verbalen Attacken. Wie überhaupt auf dem Bahnhofsplatz keine Gewalttaten stattfanden.

Wo gab es Probleme zwischen Polizei und Demonstranten? 

Zwischen erstem Demo-Zug und Kundgebung am Bahnhof setzten sich etwa 500 Teilnehmer der Antifa-Bewegung über den Maschmühlenweg zum Güterbahnhof in Bewegung. Dort wurden sie von der Polizei festgesetzt, damit sie nicht auf die Gleisanlagen gehen konnten. Dort hatten sich zuvor schon Aktivisten niedergelassen, um die Ankunft der NPD-Leute per Zug zu verhindern. Der Zugverkehr wurde zeitweise gestoppt. Die Aktivisten von den Gleisen entfernt und die Personalien aufgenommen.

Welche Straftaten wurden verübt? 

Linke Aktivisten am Güterverkehrszentrum: In der Nähe des Güterbahnhofs und Einkaufszentrum Gallus-Park kam es zu Auseinandersetzungen von Antifa-Einzelnen mit der Polizei. Foto: Rampfel

Die Polizei wirft einigen Demonstranten Landfriedensbruch wegen der Gleisbesetzung vor. Auch wurden am Güterverkehrszentrum Böller auf Polizisten geworfen. In den nahen Straßen Kreuzbergring, Goßlerstraße, Theodor-Heuss-Straße und am Uni-Campus brannten Straßenbarrikaden und Mülltonnen. In Friedland brannte am Samstag in Bahnhofsnähe ein geparkter BMW, vermutlich eines NPD-Aktivisten aus dem Eichsfeld. Ein Privatauto, das daneben stand, wurde beschädigt. Von den NPD-Teilnehmern soll vor dem Bahnhof mehrfach der „Hitler-Gruß“ gezeigt worden sein. Linke-Gruppen verlangen die Strafverfolgung.

Was bemerkten Unbeteiligte in Göttingen von den Vorfällen? 

Es kam zu Straßensperrungen rund um den Bahnhof und am Nachmittag um das Polizeipräsidium Kasseler Landstraße, wo Demonstranten gegen die Festnahme von Aktivisten protestierten, die allerdings von der Polizei schon wieder freigelassen worden waren. Der Zugverkehr war zeitweise eingeschränkt, der Bahnhof nur über enge, kontrollierte und geschützte Zugänge möglich. In Göttingen waren vielerorts Polizeifahrzeuge zu sehen und fuhren in hoher Geschwindigkeit umher. Zwei Hubschrauber kreisten permanent über der Innenstadt und Weende.

Wie bewertet die Polizei den Demo-Samstag? 

Ein direktes Aufeinandertreffen von Rechten und Linken wurde durch die massive Präsenz verhindert. Alles sei „ohne größere Zwischenfälle verlaufen“. Die massive Präsenz von mehr als 1100 Polizisten – doppelt so viele wie bei den kürzlichen Demos – die bewährte Taktik und das offene Vorgehen mit Infos via Facebook und Twitter sei erneut aufgegangen, meldet die Polizei. Szenarien, angezettelt von wenigen Aktivisten am Rande, seien unerfreulich gewesen, so Einsatzleiter Thomas Rath. Es sei aber bedenklich, dass es immer noch nicht wenige Mitbürger gäbe, „die Gewalt gegen Sachen, Eigentumsbeschädigungen und Steinwürfe gegen Polizeibeamte für angemessen halten“.

Was sagen die Aktivisten aus der linken Szene? 

Die Gruppe Radical M wertet es als ihren Riesenerfolg, den Marsch der Nazis in Göttingen verhindert zu haben. Man habe durch Deeskalation und besonnenes Auftreten Ausschreitungen mit „den zahlreich angereisten gewalttätigen Polizisten“ abgewendet. Die Antifaschistische Linke International kritisiert das Vorgehen der Göttinger BFE und das „Einkesseln von Aktivisten“ sowie das Aufnehmen von Personalie durch die Polizei.

Demo gegen NPD-Kundgebung in Göttingen

Lesen Sie auch:

Demo gegen NPD-Kundgebung in Göttingen: Straßenbarrikaden brannten

Nach Kundgebung in Göttingen: NPD marschierte durch Northeim

320 Teilnehmer bei "Warm-up"-Demo in Göttingen - Heute heißer Tag

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.