Expertinnen: Flüchtlingsfrauen brauchen mehr Gesundheitsangebote

Fordern eine bessere Versorgung von geflüchteten Frauen: (von links) Barbara Ernst, Christine Müller, Marina Weckend und Karin Griese. Foto: Voß

Um die gesundheitliche Versorgung von weiblichen Flüchtlingen ist es nicht gut bestellt - so lautet das Fazit der 30. Fachtagung des Netzwerkes Frauen/Mädchen/Gesundheit Niedersachsen.

Einen Tag lang diskutierten rund 100 Teilnehmer am Dienstag im Neuen Rathaus die gesundheitliche Vorsorgemöglichkeiten und Perspektiven von geflüchteten Frauen und Mädchen.

„Wenn wir Bilder von Flüchtlingen sehen, sehen wir fast nur Männer. Dass aber auch Frauen den Weg von Syrien oder dem Irak zu uns wagen, vergessen viele“, erklärte Ursula Jeß vom Niedersächsischen Sozialministerium. Sie jedoch besser in das deutsche Gesundheitssystem zu integrieren, sei dringend notwendig. Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Christine Müller, moderierte sie die Tagung.

Verglichen mit deutschen Frauen haben weibliche Flüchtlinge nicht annähernd den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung, bemängelte auch die Hebamme Marina Weckend aus Hannover. Hierunter fallen laut Weckend nicht nur die ärztliche Behandlung bei Krankheit oder Schwangerschaft, sondern auch Verhütungsvorsorge und sexuelle Aufklärungsangebote.

Neben Sprachbarrieren macht sie kulturelle Unterschiede für diese Tatsache verantwortlich. Insbesondere von schwangeren Frauen aus Syrien oder dem Irak würden Vorsorgeuntersuchungen aus religiösen oder kulturellen Gründen abgelehnt, die in Deutschland schon lange zum medizinischen Standard gehörten.

Besonders katastrophal sei die Lage jedoch bei Frauen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen lebten, betonte Barbara Ernst von Pro Familia Göttingen. „Hier können viele gynäkologische Untersuchungen einfach schon deshalb nicht durchgeführt werden, weil sie nicht zur Grundversorgung von Flüchtlingen gehören“, kritisierte sie.

Um geflüchtete Frauen künftig besser in das bestehende Netz aus medizinischer und psychologischer Hilfe zu integrieren, sehen die Tagungsteilnehmerinnen auch die behandelnden Ärzte gefordert. „Vielen fehlt einfach das Verständnis für die Situation der Frauen“, sagt Karin Griese von der Kölner Flüchtlingsarbeit Medica Mondial. „Dabei können wir sie doch am besten im persönlichen Gespräch erreichen.“

Als probates Hilfsmittel, um ein Gespräch zu beginnen, wo Beteiligten die Worte fehlen, sieht die Trauma-Therapeutin die Zanzu-Plattform der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Anhand von Piktogrammen können Frauen dort in elf Sprachen über Themen wie Sexualität, Familienplanung oder Hilfe bei sexueller Gewalt ins Gespräch kommen. www.zanzu.de

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