Geheime Stasi-Berichte beim Literaturherbst: Als die SED blasenkrank war

Die DDR im Blick der Stasi: Der Band über das Jahr 1956 wurde in Göttingen vorgestellt. Die Moderation übernahm Jens Bisky (links). Für die wissenschaftliche Arbeit zeichneten Henrik Bispinck (2.v.l.) und Daniela Münkel (Mitte) verantwortlich. Schauspielerin Andrea Strube las aus den Berichten vor. Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, äußerte sich über die Zukunft der Einrichtung. Foto: Schlegel

Göttingen. Einen ungeschminkten Blick auf das Leben in der DDR erlauben die geheimen Berichte der Stasi an die SED. Am Mittwoch wurde beim Literaturherbst der neueste Band der Reihe über das Jahr 1956 vorgestellt.

Spannendes Jahr 

Es ist für die Wissenschaftler der Stasi-Unterlagenbehörde, drei Jahre nach dem Aufstand in der DDR, besonders spannend: 1956 beherrschen der XX. Parteitag der kommunistischen Partei in der Sowjetunion (KPdSU) und später der niedergeschlagene Aufstand in Ungarn das Leben in Ostdeutschland.

Aufgeheizte Stimmung 

Was das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) aus Spitzelberichten und Abhöraktionen an die Spitze der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) meldete, macht deutlich, wie aufgeheizt damals die Stimmung zwischen Ostsee und Erzgebirge war. Auch dort gab es Streiks und Ausstände. So wurde diagnostiziert: „Die SED ist blasenkrank. Sie hat die Schwäche, dass man aus ihr nicht austreten kann.“ Und aus einem Bergwerk wird von folgender Parole berichtet: „Kumpels, macht es wie die Kumpels in Ungarn. Fort mit Hammer und Sichel.“

Kritik an Ulbricht 

Auch an dem damaligen SED-Generalsekretär Walter Ulbricht wird nicht an Kritik gespart: So wie Stalin nach seinem Tod gestolpert sei, so werde auch Ulbricht stürzen. Allerdings dauerte es bis zu dessen Entmachtung durch die eigenen Genossen noch bis 1971. Die Ausschnitte aus dem Buch präsentierte Schauspielerin Andrea Strube bei der Lesung.

Aufwändige Bearbeitung 

Gleichzeitig erfuhren die Besucher des Abends von Daniela Münkel und Henrik Bispinck, zwei Wissenschaftlern der Stasi-Unterlagenbehörde, wie aufwändig die Bearbeitung der Berichte ist. So muss aus Datenschutzgründen in jedem Einzelfall entschieden werden, ob eine Person namentlich überhaupt veröffentlicht werden darf.

Zukunft der Behörde 

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, wies auf die Rolle der Stasi in der DDR hin: „Sie war Schuld und Schwert einer Partei. Sie war dazu da, die Macht der SED zu sichern.“ Gleichzeitig ging er auf die Zukunft der Behörde ein: Jahn will jetzt ein Konzept entwickeln, um das Unterlagenarchiv eigenständig unter dem Dach des Bundesarchivs weiter zu führen. „Dabei ist es wichtig, den Opfern gerecht zu werden und die Brücke in die nächste Generation zu schlagen“, betonte Jahn auch die Bildungsauftrag.

Foto: FSU-Fotozentrum/dpa 

Neuerscheinung: Die DDR im Blick der Stasi 1956: Die geheimen Berichte an die SED-Führung, bearbeitet von Henrik Bispinck, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, gebunden, 320 Seiten, ISBN 978-3-525-37506-8, 30 Euro.

DDR im Blick: Kostenloser Zugriff auf Datenbank im Internet 

Das gemeinsame Projekt „Die DDR im Blick der Stasi“ der Unterlagenbehörde und des Göttinger Verlages Vandenhoek & Ruprecht läuft seit einigen Jahren.

Die Berichte werden von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Stasi-Unterlagenbehörde aufbereitet, kommentiert und jahrgangsweise von dem Göttinger Verlag zunächst auszugsweise in Buchform veröffentlicht. Ein Jahr später ist alles kostenlos über eine Datenbank im Internet abrufbar.

Nach und nach werden alle Jahrgänge von 1953 bis 1989 aufgearbeitet. Jetzt wird in der Behörde am Jahr 1964 gearbeitet.

Die Berichte lassen einen ungeschminkten Blick auf die Entwicklungen in der DDR zu, denn die Auswertegruppe der Staatssicherheit hat äußerst akribisch gearbeitet. In Buch- und Onlineform sind zahlreiche Jahrgänge erschienen, darunter 1953 mit dem Juni-Aufstand, 1961 mit dem Mauerbau, das Vorwendejahr 1988 sowie die Jahre 1965, 1976 und 1977.

www.ddr-im-blick.de

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