Konzentration auf die Athleten

Interview mit Güntzler zur deutschen Sportförderung

Fritz Güntzler (CDU): Der Göttinger hat die Eckpunkte für die Reform der Sportförderung mitverhandelt.

Göttingen. Die Spitzensportförderung in Deutschland ist im olympischen Jahr wieder einmal in die Diskussion gekommen. Bereits vor Rio haben das zuständige Bundesinnenministerium und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) über Eckpunkte einer Reform verhandelt.

Jetzt wurde im Sportausschuss des Bundestages darüber beraten. Mit dabei: Der heimische Bundestagsabgeordnete und Sportfan Fritz Güntzler (CDU). In der vergangenen Woche wurde ein fortgeschrittener Zwischenbericht zur Reform der Spitzensportförderung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und dem Präsidenten des DOSB), Alfons Hörmann, vorgestellt. Wir sprachen mit dem Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler darüber.

Herr Güntzler, worum geht es im Kern der Neuregelung? 

Fritz Günzler: Zentrales Element der neuen Spitzensportförderung ist eine stärkere Konzentration auf die Athleten. Positiv am neuen Fördersystem ist, dass die Mittelvergabe künftig nach den Perspektiven der Athleten und nicht mehr an den Erfolgen der einzelnen Sportverbände wie in der Vergangenheit anknüpft.

Diese alte Finanzierung, gemessen an Medaillen und Platzierungen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften ist schon lange umstritten. Starke Einzelsportler in wenig erfolgreichen Verbänden, fielen so oft durchs Raster, konnten gar keine Weltklasseleistungen bringen... 

Güntzler: Das ist absolut richtig. In den Beratungen haben wir immer von „dem kleinen Mozart“ gesprochen, den wir fördern wollen. Auch wenn er seine Sportart betreibt, in der Deutschland bisher nicht erfolgreich war. Diese Talente wollen wir finden und ihnen optimale Bedingungen bieten.

Wie funktioniert das neue Fördersystem? 

Güntzler: Das neue Fördersystem basiert auf einem Potentialanalysesystem (PotAS). Wir wollen in Zukunft noch genauer hinschauen, was wir fördern. Sportart für Sportart. Dafür holen wir neben den Verbänden vor allem die Trainer, aber auch Wissenschaftler mit ins Boot. Wir haben die Expertise in den Hochschulen und am Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Hier brauchen wir eine praxisorientiert Vernetzung mit den Verbänden. Die Ausbildung der Sportler soll noch professioneller werden. Nach den Beratungen ist klar: „Wir wollen künftig bei der Förderung den einzelnen Athleten und seine Perspektiven stärker in den Blick nehmen.

Es wurde auch Zeit, etwas zu tun, oder? 

Güntzler: Wir haben Nachholbedarf, das ist erkannt worden. Deshalb ist es zu begrüßen, dass sich der Sportausschuss des Bundestages, der DOSB und die Länder konstruktiv an einer Neukonzeption beteiligen. Es geht um eine Verbesserung der Spitzensportförderung. Der Bund gibt pro Jahr 153 Millionen Euro in diesen Topf. Dazu kommen Arbeitsplätze bei Polizei, Bundespolizei, Bundeswehr und beim Zoll für Athleten aus Leistungskadern.

Bleibt die Frage, was kommt dabei heraus und was könnte dabei herauskommen? 

Güntzler: Die Frage ist in der Tat, wie effizient kommt es an. Man ist geneigt, den Förderanspruch nur an Medaillen zu messen. Es ist fraglich, ob das der einzige Maßstab ist oder sein sollte. Medaillen müssen, wie auch Abiturnoten bei der Vergabe von Spitzenstudienplätzen, ein Maßstab sein. Es geht ja um Spitzensport und nicht um den Breitensport, darum, die Sportler zu fördern, die ganz oben dabei sind. Die Verbände müssen natürlich auch erhalten bleiben. Klar ist, es gibt Nachholbedarf in der Spitzensportförderung.

Wie bewerten Sie das vorgelegte Zwischenergebnis? 

Güntzler: Die Richtung stimmt. Als positiv bewerte ich auch, dass zukünftig wissenschaftliche Aspekte bei der Förderung eine stärkere Rolle spielen sollen. Ein neu eingeführter Prozess der Potentialanalyse soll im Ergebnis dazu führen, dass die Förderung zielgerichtet, sportfachlich begründet und effizient erfolgt. Es gibt ja im jetzigen System, das breiter angelegt ist, auch B- oder C-Kader Athleten, die jahrelang gefördert werden, obwohl klar ist, dass sie nicht mehr besser werden. Da sollte man klar sagen: Das reicht nicht für die Spitze.

Was muss passieren, damit aus dem Zwischenbericht ein fertiges neues Konzept zur Spitzensportförderung in Deutschland wird? 

Güntzler: Der Zwischenbericht ist schon sehr weit ausgearbeitet. Klar muss aber sein, dass jetzt das Parlament eingebunden wird. Wir stellen Wichtig ist, dass jetzt auch der fachlich zuständige Sportausschuss in die Beratungen eingebunden ist. Im Sportausschuss sitzen kompetente Leute wie Frank Steffel, der Präsident der Reinickendörfer Füchse oder Eberhard Gienger, ehemaliger Weltmeister im Reckturnen, und Ingo Wellenreuther, Präsident des Karlsruher Sport Club.

Wo muss man konkret ansetzen, damit sich im deutschen Spitzensport etwas verbessert? 

Güntzler: Wir müssen auch bei den Trainern etwas tun, in der Aus- und Fortbildung. Wir müssen vielleicht auch mehr Geld für Trainer ausgeben. Auch Kooperationen mit anderen Ländern sind denkbar. Die Holländer machen es beim Eisschnelllauf vor. Sie nutzen teilweise unsere Wettkampfstätten, um ihre Athleten auf ein Top-Niveau zu bringen. Man sieht ja den Erfolg.

Studien aus 2007 plädierten für gravierende Änderungen: Der DOSB könnte aus der Spitzensportförderung rausgenommen werden, auch wurde ein eigenes Sportministerium vorgeschlagen, raus aus dem großen Ressort Innenministerium... 

Güntzler: Ich glaube nicht, dass es neues Ministerium geben wird, bei aller Bedeutung des Sports. Die aktuellen Verhandlungen zeigen, dass das Thema, sowohl beim Bundesinnenministerium mit Thomas de Maizière an der Spitze, als auch beim DOSB in guten Händen ist. Und wir schauen im Parlament ja auch genau drauf. Sei es im Sport- oder im Haushaltsausschuss. Es bleibt dabei: In der Spitzensportförderung muss der Sportler im Mittelpunkt stehen, nicht die Sportverbände. Damit das so ist, bedarf es der richtigen Strukturen. Ich bin ein großer Freund der Autonomie des Sports. Wir haben in Niedersachsen ein Sportfördergesetz gemacht, wo wir die Finanzierung des Sports geregelt haben, 35 Millionen Euro in Niedersachsen für den Sport - plus Lotto-Toto-Einnahmen. Darüber sind alle glücklich. Wir haben den Mut gehabt, das Geld dem Landessportbund zu geben. Wir sind als Politik draußen geblieben. Nachteil: Der LSB kann sich alles auf die Fahne schreiben, aber wir haben das hingenommen - zum Vorteil des Sports.

Zur Person

Fritz Güntzler (50) kam in Cuxhaven zur Welt und studierte an der Universität des Saarlandes sowie der Universität Göttingen Betriebswirtschaftslehre. 1989 trat er in die CDU ein. Der Göttinger wurde 1999 Steuerberater und ist seit 2003 Wirtschaftsprüfer. Von 2004 bis 2008 und von 2010 bis 2013 war er Landtagsabgeordneter. Seit 2013 ist der verheiratete zweifache Familienvater Mitglied des Bundestages.

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