Hamlet-Premiere - ein Kraftakt im Jungen Theater Göttingen

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Große Bandbreite: Karsten Zinser als Hamlet.

Göttingen. „Hamlet, keiner kennt das Stück, aber jeder mag es.“ Die wie eine Gauklertruppe hereinziehenden Schauspieler haben sicher manchen Zuschauer gleich zu Beginn der Premiere im Jungen Theater Göttingen entlarvt.

Wer hat nicht schon mal über „Sein oder Nichtsein“ philosophiert? Doch wie geht’s weiter? Diese Wissenslücke hat Intendant Nico Dietrich nun zum Saisonauftakt geschlossen.

Shakespeare ist nach wie vor beliebt, gerade im Jahr seines 400. Todestags. So war die Premiere restlos ausverkauft und das Publikum guten Mutes, sich diesem fast dreistündigen Drama zu stellen. Aber welch ein Kraftakt - für Publikum und Schauspieler!

Mit allerlei witzigen Einlagen wie dem über die Bühne hüpfenden, „Barbie Girl“ von den Spice Girls trällernden Hamlet oder mit Sprüchen aus der TV-Serie „Die Simpsons“ wurden die Zuschauer bei Laune gehalten, die Stimmung war entsprechend gut (Dramaturgie: Tobias Sosinska). Leider gingen bei all dem, aber hauptsächlich wegen der schlechten Akustik, Shakespeares Verse etwas unter. Das war nicht nur sehr anstrengend, sondern für die Schauspieler schade, die physisch und emotional alles gaben und sichtbar auch an Grenzen gestoßen sind.

Besonders Karsten Zinser hat als Hamlet in einer Intensität gespielt, der man sich kaum entziehen konnte. Vom eher skeptisch aus seinem Studium in Wittenberg zur Beerdigung des Vaters nach Dänemark heimkehrenden jungen Mann über den trauernden, angesichts der Neuvermählung seiner Mutter mit dem Onkel wütenden, bis hin zum Wahnsinn vortäuschenden und Rache für den Mord am Vater nehmenden Sohn hat Zinser eine Bandbreite an schauspielerischem Können gezeigt, der großer Respekt gezollt werden muss.

Auch Linda Elsner überzeugte als sehr gefühlvolle, leidende Ophelia, die dem Vater gehorchen will, aber Hamlet liebt und sich gleichzeitig von ihm verraten fühlt. Ihr dandyhafter Bruder Laertes (Peter Christoph Scholz) zieht das pralle Leben in Paris vor und kehrt erst nach Dänemark zurück, als er wiederum Rache an Hamlet für den Mord an seinem Vater nehmen will. In einer weiteren Rolle als Guildenstern spielt Scholz mit Handpuppe Rosencrantz einen Kommilitonen, der Hamlet für den König ausspioniert, und erntet mit seinem tuntigen Auftreten besonders viele Lacher. Ob man die Rolle so anlegen muss, ist allerdings Geschmackssache.

Jan Reinartz spielt König Claudius eher zurückhaltend, bedächtig, in einer Szene sogar am mit Morden gespickten Weg seiner Macht zweifelnd, sodass man das Böse nicht recht erkennen mag. Franziska Lather stellt Königin Gertrud als naive Ehefrau und Mutter dar, die nur möchte, dass es dem Sohn und Dänemark gut geht und zu spät erkennt, welch falsches Spiel Claudius mit ihr getrieben hat.

Wohltuend im Schlamassel um Liebe, Macht, Mord und Rachegelüste glänzt Agnes Giese als Minister Polonius, den sie klar und beflissen, fast marionettenhaft überzeichnet spielt.

Das Drama endet – ganz Shakespeare – in einem Desaster, in dem fast alle Dargestellten tot sind. Alle Schauspieler haben auf hohem Niveau und mit großer Intensität gespielt und dafür wohlverdienten, kaum enden wollenden stehenden Applaus erhalten.

Nächste Termine: 13., 23.9., 4., 15., 29.10. Karten: Tel. 0551/495015.

www.junges-theater.de

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