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Debatte um Unkrautvernichter Glyphosat: „Ein Verbot wäre Aktionismus“

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Von: Benedikt Dittrich

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Dr. Horst-Henning Steinmann. Foto: privat
Dr. Horst-Henning Steinmann. Foto: privat

Göttingen. Der Unkrautvernichter Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Auch Dr. Horst-Henning Steinmann sagt: Das Mittel ist keine reine Erfolgsgeschichte.

Der Wissenschaftler ist Projektleiter am Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen. Wir haben mit dem Agrar-Experten über Nutzen und Gefahren von Glyphosat gesprochen.

Herr Dr. Steinmann, wie gefährlich ist Glyphosat wirklich?

Dr. Horst-Henning Steinmann: Glyphosat ist kein besonders giftiges Herbizid, wenn es in üblichen Konzentrationen benutzt wird. Es gibt aber Studien, die Folgen die Gesundheit festgestellt haben. Das waren dann aber Konzentrationen von Glyphosat, die in der Praxis quasi nicht angewendet werden. Diese Studien sind also nicht realitätsbezogen. Die Bundesbehörden sehen den Einsatz von Glyphosat in Deutschland bisher nicht kritisch.

Warum wird dann trotzdem über ein Verbot diskutiert?

Steinmann: Glyphosat ist weltweit das am meisten verkaufte Herbizid. Mein Eindruck ist, dass es bei der Kritik an Glyphosat auch um Kritik an den globalen Strukturen in der Landwirtschaft geht. Das Mittel wird außerhalb von Europa auch bei gentechnisch veränderten Kulturpflanzen eingesetzt. Und da ist das Mittel keine reine Erfolgsgeschichte: Während Nutzpflanzen bewusst gegen Glyphosat resistent gemacht wurden, entwickeln jetzt auch Unkräuter diese Resistenzen. Deswegen müssen Landwirte mehr Glyphosat oder zusätzlich andere Herbizide spritzen. Das wird zu Recht kritisiert. Allerdings gibt es diese veränderten Pflanzen und auch den übermäßigen Einsatz von Glyphosat in Deutschland bisher nicht. Da geht vieles durchein- ander.

Wie wird denn Glyphosat in Deutschland genutzt?

Steinmann: In der Landwirtschaft wird es vor allem vor der Aussaat und nach der Ernte gespritzt. Die Landwirte sparen sich damit das Pflügen. Außerdem wird so der Boden besser gegen Erosion geschützt. Ansonsten wird Glyphosat von Kommunen oder auch der Deutschen Bahn genutzt. Dort ist der Einsatz aber streng reglementiert. Das Mittel darf nicht an Stellen eingesetzt werden, wo es in die Gewässer gelangen kann.

Und wie sieht es mit dem Unkraut im privaten Garten aus?

Steinmann: Auch im Privatbereich ist der Einsatz stark eingeschränkt und oft gar nicht erlaubt, zum Beispiel auf gepflasterten Flächen. Aber Glyphosat-Mittel sind frei verkäuflich und so gelangen sie doch auf diese Flächen. Die Verkäufer sind dazu verpflichtet, im Gespräch den Einsatzzweck zu erfragen. Das wird auch mit Testkäufen kontrolliert.

Inwiefern wäre denn ein Verbot von Glyphosat sinnvoll?

Steinmann: Ich halte ein Totalverbot für Aktionismus. Sicher, den Verkauf an Privatpersonen könnte man einschränken, aber die Mittel sind auch über das Internet erhältlich. Eine Kontrolle wäre also sehr schwer.

Und in der Landwirtschaft?

Steinmann: Da sollte man den bisherigen Rahmen ausschöpfen. Zum Beispiel muss kurz vor der Ernte nicht unbedingt gespritzt werden. Dazu gibt es seit sogar seit kurzem schon eine Vorschrift. Außerdem würde ein Glyphosat-Verbot nur dazu führen, dass andere Herbizide eingesetzt werden, die nicht nur teurer, sondern oft weniger wirkungsvoll sind und eher größere Nebenwirkungen haben.

Also sollte alles so bleiben, wie es ist?

Steinmann: Nein, aus meiner Sicht sollten sich Landwirte nicht zu sehr auf Glyphosat als Wunderwaffe gegen Unkraut verlassen. Ackerbausysteme müssen langfristig und ganzheitlich betrachtet werden. Es gibt genug Instrumente und Möglichkeiten, um den Glyphosat-Einsatz zu reduzieren. Aber ein Verbot würde viele nützliche Anwendungen von Glyphosat verhindern.

Zur Person

Dr. Horst Steinmann ist wissenschaftlicher Koordinator und Projektleiter am Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen. Seine Fachgebiete sind unter anderem Anbausysteme, Unkrautmanagement, Pflanzenschutz und Agrarumweltmaßnahmen. Dr. Steinmann ist ausgebildeter Landwirt und promovierter Agrarwissenschaftler. Er ist 51 Jahre alt.

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