Interview mit Uni-Präsidentin Beisiegel: Stadt stärker mit ins Boot holen

Biochemikerin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel: Sie Anfang 2011 Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen. Foto: Jelinek

Göttingen. Die wieder gewählte Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel blickt nach vorne. Die Georgia Augusta soll internationaler und offener werden sowie am Standort noch mehr Kooperationen eingehen.

Frau Beisiegel, nach der Ablehnung der zweiten Exzellenzinitiative sagten Sie trotzig: Wir machen weiter! Hatte das auch positive Folgen? 

Ulrike Beisiegel: Ich würde nicht trotzig, sondern entschlossen sagen: Wir haben etwas bewegt im Strategieprozess und der Standortentwicklung. Und wir haben die Administration, die Verwaltung mitgenommen. Dort herrscht eine Aufbruchsstimmung. Humorvoll könnte man sagen, wir hatten Zeit nachzudenken und mussten uns nicht so sehr damit beschäftigen, das Geld aus der Initiative sinnvoll auszugeben. Nein, wir haben die Zeit genutzt, um Schwächen zu erkennen, Stärken zu stärken und generell, um uns neu in Forschung, Lehre und Administration aufzustellen.

Mit welchem Erfolg? 

Beisiegel: Wir sind sehr gut dabei, stehen in Rankings international und national sehr gut da - auch in den Veröffentlichungen. Im DFG-Förderatlas sind wir Sechster, und hinter uns liegen auch einige Exzellenz-Unis. Geholfen hat uns eine kräftige Förderung durch das Land: 30 Millionen Euro. Damit konnten wir in der ersten Exzellenzphase gestartete Projekte und Schwerpunkte fortführen und Teile unseres zweiten Zukunftskonzeptes umsetzen. Wir haben unser Profil geschärft.

Was heißt das? 

Beisiegel: Viele denken, wie Obama gesagt hat, „Yes we can!“. Viele haben und leben den „Göttingen Spirit“ für eine Hochschule mit engen Verzahnungen über Instituts- und Einrichtungsgrenzen hinweg, wie es der Göttingen Campus ausdrückt. Was wir hier am Standort, dem Göttingen Campus, erreicht haben, war gut. Andere Standorte machen Ähnliches, vielleicht ein bisschen stärker mit der Vernetzung zur Wirtschaft. Im Vergleich zu anderen Standortkonzepten stehen wir aber gut da. Das wird auch den Kern unserer Anträge für das geplante Nachfolgeprogramm der Exzellenzinitiative bilden.

Sie stehen als Person, als Repräsentantin für den Göttingen Campus und Spirit... 

Beisiegel: Ich bin in viele nationale Gremien berufen worden, auch dadurch ist Göttingen eigentlich überall dabei.

Intern aber segeln nicht alle Professoren auf diesem Kurs... 

Beisiegel: Manche, eher traditionell denkende Professoren, wundern sich über Kooperationen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, gemeinsame Schwerpunkte, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, das Engagement für die Stadt, den Bau von Kindergärten. Sie kennen Uni so nicht. Das ist auch verständlich. Aber: Wir versuchen viele mitzunehmen. Wir haben auch viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Veränderungen gegenüber offen sind.

Können sie ohne Exzellenz-Status und dem Geld daraus starke Wissenschaftler halten? 

Beisiegel: Es ist ganz wichtig, starke Köpfe zu halten und zu holen. Das ist uns auch gelungen. Natürlich gehen immer welche, das ist so im Wissenschaftsbetrieb, und das muss auch so sein. Man kann auch eine Uni mit starken Köpfen schaffen ohne Exzellenzinitiative.

Wie wichtig ist das Umfeld im Werben um starke Köpfe? 

Beisiegel: Sehr wichtig.

Was kann die Stadt tun? 

Beisiegel: Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich mir wünschen, dass sich die Stadt noch mehr engagiert. In manchen Bereichen läuft es gut. Aber das Umfeld weiter zu entwickeln, da würden wir gerne noch enger mit der Stadt zusammenarbeiten. Es wäre gut, wenn die Stadt die Dinge, die wir für die Öffentlichkeit anbieten, wie den Alten Botanischen Garten und das Forum Wissen noch stärker unterstützen würde. Wir würden die Stadt dabei gerne mehr mit ins Boot holen.

Eine klare Ansage... 

Beisiegel: Ja, weil das wichtig ist. Ebenso, wie eine attraktive Stadt mit guten Einkaufsmöglichkeiten.

Sie engagieren sich ja als Mitglied bei Pro City, warum? 

Beisiegel: Aus Überzeugung. Das Umfeld bietet ja auch gute Möglichkeiten, und damit punkten wir - aber das reicht nicht. Die Menschen, die hier wohnen, müssen gerne in die Stadt gehen wollen. Die Wohn- und Einkaufsstruktur muss stimmen. Deshalb machen wir als Uni bei Pro City mit. Ich bin sicher, hier kann man viel mehr schaffen, im Kleinen - zum Beispiel mit mehrsprachigen Einkaufs- und Gästeführern. Wir müssen auch die Studierenden mehr zum Einkaufen in Göttingen bringen. Wir müssen unsere Studierenden auch dahin bringen, nachhaltig zu denken und zu handeln. Wir haben nur eine Welt. Unsere Taschenaktion mit Pro City zeigt: das geht auch mit der Uni.

Das Pro-City-Engagement bewerten viele Göttingen positiv. In der Uni sehen es manche mit Befremdung. Warum? 

Beisiegel: Das sind jene Kollegen der alten Schule, die in erster Linie ihre Arbeit, das Institut, die Forschung und Lehre interessiert.

Ist das zu kurz gedacht? 

Beisiegel: Manche verstehen nicht, dass sich die Uni gewandelt hat, dass sich die Anforderungen an Wissenschaftler geändert haben. Früher gingen die Frauen mit den Männern an neue Arbeitsorte, heute ist das anders. Wir haben deshalb Partnerschaften mit Unternehmen geschlossen. Wir brauchen Rahmenvereinbarungen mit den großen Firmen, um für die Lebenspartner unserer Forschenden dort Arbeitsplätze zu bekommen.

Sehen sie Fortschritte? 

Beisiegel: Die Region hat sich gut entwickelt, es gibt mehr Kooperationen mit der Wirtschaft, mit der Kultur, mit den Städten und Gemeinden. Sie haben alle ein offenes Ohr, sehen Anknüpfungspunkte. Die Resonanz außerhalb der Universität auf die Öffnung in die Region war ausgesprochen positiv, das haben die Gespräche meiner Sommerreise gezeigt. Innerhalb gibt es noch Skepsis, aber sie wird geringer, wenn man spürt, dass wir, die Uni, peu a peu davon profitieren.

Zur Person 

Prof. Dr. Ulrike Beisiegel (63) ist Biochemikerin ist seit 2011 Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen und wurde 2015 für eine zweite Amtszeit bestätigt, die am 1. Januar 2017 beginnen wird. 1971 bis 1974 studierte sie Biologie an den Universitäten Münster und Marburg. Vor ihrer Wahl zur Göttinger Uni-Präsidentin war Beisiegel Direktorin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie ist Senatorin der Max-Planck-Gesellschaft.

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