Pendeln mit dem Kombi-Ticket

Literaturherbst an zwei Spielorten: Geteilte Reaktionen

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Literaturherbst-Finale: Karen Duve beim Göttinger Literaturherbst mit Moderator Johannes Schroer.

Göttingen. Experiment gelungen? Der Literaturherbst feierte Jubiläum – mit einem Kombi-Ticket konnten Besucher am Sonntag zwischen Veranstaltungen pendeln.

Karen Duves Lesung im Alten Rathaus war ein vollwertiger Ersatz für Katarina Hagenas geplanten Auftritt. Die vielfach ins Vietnamesische übersetzte Autorin konnte nicht kommen, weil sie als Kulturvermittlerin den Außenminister Walter Steinmeier auf Dienstreise nach Vietnam begleiten durfte. Steinmeier bedankte sich dafür bei den Literaturherbst-Veranstaltern und -Besuchern in einer Video-Botschaft.

Karen Duve sprang ein und präsentierte ihren Roman „Macht“ zusammen mit Johannes Schröer, stellvertretende Chefredakteur beim Kölner Dom-Radio. „Macht“, eine „Düstopie“ (O-Ton Schröer), spielt 2031. Die Auswirkungen des Klimawandels durchziehen den Alltag von Sebastian Bürger und seiner Familie. Killer-Raps und aggressive Rapskäfer gehören zum Horror-Szenario. Am Beispiel der nicht wirklich sympathischen Hauptperson lotet Duve die Schnittstellen zwischen Normalität und Ab-Normalität aus. „Wenn eine einzelne Person sich ab-normal verhält, verurteilt ihn die Gesellschaft. Wenn viele sich ähnlich verhalten, können sich die Normen verschieben.“

Leidenschaftlich äußerte sich die Autorin vor ausverkauftem Haus empört darüber, dass die Öffentlichkeit von den Wissenschaftlern und der Politik immer nur von dem kleinsten, möglichen Katastrophen-Szenario informiert werde. „Wer die Macht hat, hat die Deutungshoheit.“

Wer Duve hörte, musste die Brecht-Veranstaltung im Deutschen Theater versäumen. Als Jubiläumsfeier hatte der Literaturherbst ein Experiment gewagt, das beim Publikum geteilte Reaktionen hervorrief: Die Veranstaltungen fanden zeitgleich an den zwei Spielorten statt. Einige lobten die Wahlmöglichkeiten, andere ärgerten sich, dass sie nicht alles erleben konnten.

Besucher, die sich sowohl für das Leslie Meier Trio mit seiner Jazz-und Lyrik-Performance zu Peter Rühmkorf als auch für die Lesung des Kabarettisten und humoristischen Schriftstellers Bov Bjerg aus seinem Roman „Auerhaus“ und dem Erzählungsband „Die Modernisierung meiner Mutter“ interessierten, mussten sich entscheiden: Rathaus oder Theater.

Im Deutschen Theater lasen die Schauspieler Dorothée Neff und Bardo Böhlefeld, verteilt auf sechs Stunden, Lieblingspassagen aus 25 Jahren Literaturherbst. Zu Wort kamen lebende und leider schon verstorbene Autoren, zum Beispiel Doris Dörrie, Jostein Gaarder, Nick Hornby, Ingrid Noll, Frank Schätzing, Julie Zeh sowie Robert Gernhard und Roger Willemsen.

Das Jubiläumsticket fand große Zustimmung, aber einige waren enttäuscht, dass es nicht für die zwei großen Lesungen am letzten Abend des 25. Literaturherbstes galt, die konnten mit einem Aufschlag dazu gebucht werden.

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