Lagerpastor: Schlepper lockten Flüchtlinge ins „Paradies“

Drangvolle Enge im Grenzdurchgangslager Friedland: Dort müssen die Flüchtlinge vor allen Mahlzeiten lange anstehen. Archivfoto: Jelinek

Göttingen. „Wo Platz für 800 ist, ist nicht genügend Platz für 3000 da.“ So bringt Pastor Martin Steinberg die aktuelle Situation im Grenzdurchgangslager Friedland auf den Punkt.

Dort kam es in den vergangenen Wochen zu Auseinandersetzungen – wir berichteten. Steinberg kennt die Hintergründe: Oft bestehe einfach die Angst bei Flüchtlingen, dass sie beispielsweise nichts mehr zu essen bekommen. Außerdem gibt es natürlich die Unsicherheit, wie es nach der Zeit in Friedland weiter geht.

Martin Steinberg

„Es kommen Menschen mit einer hohen und manchmal einer zu hohen Erwartungshaltung zu uns“, sagt Steinberg, der als Pastor und Geschäftsführer für die Innere Mission und das Evangelische Hilfswerk im Lager tätig ist. An diesem Problem im Lager Friedland sind zum Teil auch die Schlepper schuld: Sie haben laut Steinberg zum Teil Tickets verkauft, die Illusionen schüren sowie Erwartungen und Forderungen aufbauen. Ein Beispiel: Die Schlepper behaupten, dass jede Flüchtlingsfamilie eine 80-Quadratmeter-Wohnung am Ort ihrer Wahl in Deutschland bekommt. Außerdem wird den Flüchtlingen vorgegaukelt, dass Deutschland „das Paradies“ ist. An die Schlepper, die mit dem Leid der Menschen Geschäfte machen, haben Flüchtlinge zwischen 2800 und 7500 Dollar pro Person bezahlt. „Manche reagieren dann in Deutschland enttäuscht und aggressiv, weil sich die Versprechungen der Schlepper hier zerschlagen.“

Zur konkreten Situation im Lager sagt Steinberg: „Die Anlage in Friedland ist an sich großzügig bemessen, aber bei so vielen Menschen ist einfach alles überfüllt.“

Gleichzeitig lobt Steinberg die Arbeit des Lagers in dem kleinen Ort. „Das ist im Vergleich zu anderen Aufnahmeeinrichtungen vorbildlich.“

Steinberg dankt zudem den Mitarbeitern sowie den vielen freiwilligen Helfern, die sich in Friedland und in den Außenstellen des Lagers engagieren, für ihren Einsatz.

Und grundsätzlich: „Unser Umgang mit Flüchtlingen ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern auf der Welt richtig positiv.“ Als Beispiele nennt er Ungarn oder England: „Die schotten sich ab. Das ist bei uns nicht der Fall.“ Sein Fazit: Die deutsche Politik reagiert spät, aber nicht zu spät.

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