Premiere von "Eine Stadt verändert sich": Zuwanderung hinter Spuren

Premiere von „Eine Stadt verändert sich“: Rzgar Kalil (vorn) und Dominik Breuer (hinten) spielen bei dem Stück von „Boat People Projekt“ mit. Foto: Reimar de la Chevallerie/nh

Göttingen. Mit dem Thema Flüchtlinge befasst sich das aktuelle Stück des Göttinger Boat People Projekts. Es hatte am Samstag in einem Wohnheim für Asylbewerber Premiere.

Ein wie für Staatsgäste ausgerollter roter Teppich ist neben weißen Sitzwürfeln und Videowänden das auffälligste Requisit auf der Bühne (Reimar de la Chevallerie) und dient unbeachtet vom Spiel davor still mahnend als Symbol des Willkommenheißens. In der neuesten, sehr anspruchsvollen Produktion des Göttinger Boat People Projekts „Eine Stadt verändert sich“, die jetzt im Theater des ehemaligen Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) mit großem Erfolg Premiere hatte, wird dieses Symbol hinterfragt.

In ihren vergangenen Produktion haben die Theaterleute des Boat People Projekts ihr Hauptaugenmerk auf die Lebenssituation der bei uns lebenden Flüchtlinge gerichtet. In kollageartig aneinandergereihten Szenen des alltäglichen Lebens werfen Luise Rist (Text) und Nina de la Chevallerie (Regie) nun einen kritischen Blick darauf, wie übereifrig und schon fast trotzig das „Wir schaffen das“-Zeitalter von uns allen zelebriert wird und offenbaren dabei auch Absurditäten, die das hervorbringt.

So wird zum Beispiel sloganmäßig und unerbittlich „Refugees are wellcome“ intoniert, obwohl die zum großen Teil aus Syrien stammenden Flüchtlinge diesen Willkommensgruß auch in englisch nicht verstehen. „Unser“ Afghane wird zur Geburtstagsfeier bei seinen deutschen Nachbarn eingeladen. Als dieser dann nicht alleine kommt und auch noch Spaß und Tanz in die Feier einbringt, flüchtet der Gastgeber irritiert. Auf einmal will man nicht mehr „bunt und rund“ sein und fürchtet gar den Einfluss von Curry auf die geliebten Klöße. Man möchte helfen, aber bitte nichts verändern, denn das birgt Ängste und Unsicherheiten. Dazwischen immer wieder Fragen, Fragen, Fragen der Behörden an die Flüchtlinge. Steht einer dann ratsuchend vor den Türen der sich ganz im „Flüchtlingsmodus“ befindenden Mitarbeiter des Rathauses, wird er abgewiesen.

Franziska Aeschlimann, Dominic Breuer und der vor wenigen Monaten aus Syrien geflüchtete Schauspieler Rzgar Kalil bewältigen den temporeichen Parcour durch die sich ständig verändernde Szenerie mit Bravour, spielen mal ernst, mal witzig, mal mit viel Ironie, wobei besonders Kalil ein komödiantisches Talent zeigt. Wenn Hans Kaul dann noch auf der Posaune „We are the champions“ ansatzweise intoniert und Bushkin Mohammed Ali die deutsche Volkslieder „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ oder „Kein schöner Land“ singt, wird die Oberflächlichkeit nur auf Phrasen beruhender Willkommensgesten auf sehr ironische Weise erst recht entlarvt.

Zuwanderung hinterlässt bei allen Beteiligten, den Geflüchteten wie den Einheimischen Spuren, so das Resumee des Stückes. Folglich saßen zum Schluss alle fünf Akteure zusammen in einer Kiste. Lang anhaltender und begeisterter Applaus.

Weitere Aufführungen: 25. und 27. Februar., 3. und 6. März., 7., 9. und 10. April, Theater im ehemaligen IWF in Göttingen sowie am 11. und 12. März, Theater im Pavillon, Hannover

Von Carmen Barann

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