Primatenforscherin Julia Fischer: Affen können keine Sprache lernen

Verhaltensbiologin und Affenforscherin: Prof. Julia Fischer vom Leibniz-Institut Deutsches Primatenzentrum (DPZ) Göttingen, beschäftigt sich intensiv mit der Sprachfähigkeit von Affen. Foto: Jelinek

Göttingen. Schimpansen haben eine eigene Sprache und können Sprache anpassen, ja neu lernen. Das war – zusammengefasst – der im Februar 2015 in vielen Medien beachtete, sensationelle Tenor einer Studie des Verhaltenspsychologen Stuart K. Watson.

Andere Wissenschaftler bezweifelten diese medienwirksame Aussage, so die Affenforscherin und Buchautorin („Affengesellschaft“) Prof. Julia Fischer am Deutschen Primatenzentrum Göttingen.

Nachdem sie die Daten von Watson untersucht hat, formuliert Fischer mit Kollegen ihre Zweifel: Zwei Gründe sprechen dagegen, dass Schimpansen eine neue Sprache lernen können und dafür, dass Laute von Affen weitgehend angeboren sind.

Wie kam Stuart K. Watson zu seiner scheinbar bahnbrechenden Erkenntnis?

Zwei Schimpansengruppen wurden drei Jahre lang von 2010 bis 2013 im Zoo von Edinburgh (Schottland) beobachtet. Die eine Gruppe lebte dort 2010 seit einigen Jahren. Die andere Schimpansengruppe aus einem Safaripark in Beekse Bergen (Niederlande) kam dann dazu. Die Wissenschaftler um Watson beobachten die Tiere und zeichneten das charakteristische Grunzen der Schimpansen während der Fütterung mit Äpfeln auf.

Was beobachteten die Forscher?

Laut Watson unterschieden sich die Laute der niederländischen Affen am Anfang von denen aus dem Zoo im schottischen Edinburgh. Nach drei Jahren hatten sich die Laute angeglichen. Für die Wissenschaftler war das ein Beleg dafür, dass Affen von Artgenossen unterschiedliche Laute lernen und übernehmen können, die sich auf ein Objekt, wie den Apfel, beziehen.

Die Forscher um Stuart Watson nahmen an, dass Affen eine Vorstufe von Sprachfähigkeit besitzen. Ist das so?

Objekte oder Ereignisse willkürlich mit unterschiedlichen Wörtern oder Lauten zu bezeichnen, das ist eine zentrale Eigenschaft der Sprachfähigkeit. Die Autoren um Watson interpretierten ihre Ergebnisse als eine wichtige Erkenntnis zur Evolution, zur Entstehung und Entwicklung der menschlichen Sprache. Aber: Die Affen haben ja keine neuen Laute gelernt, sowohl die niederländischen wie auch die schottischen Affen grunzten, wenn sie Äpfel bekamen. Allerdings quiekten die niederländischen Tiere auch manchmal. Dies könnte aus einer anfänglichen Begeisterung und Erregung der Tiere für das Füttern mit den Äpfeln gekommen sein, meinte Fischers Kollege James Higham von der New York University.

Was kritisieren Fischer und Kollegen an der Studie?

Die Darstellung der Ergebnisse war etwas irreführend, da unterschlagen wurde, dass sich die meisten Laute beider Schimpansengruppen bereits bei Beginn der Studie sehr ähnlich gewesen seien. Fischer: „Über den Verlauf von drei Jahren haben sie sich auch nicht wesentlich verändert“, das hätte die Analyse der Lautmuster ergeben.

Liefert die Watson-Studie neue Erkenntnisse zur Entstehung der menschlichen Sprache?

Nein, das sagen Julia Fischer, Brandon Wheeler und James Higham: „Wenn Schimpansen wirklich eine neue Sprache gelernt hätten, wären die Unterschiede viel klarer ausgefallen.“ Die Ergebnisse sprechen eher dafür, dass die Rufe tatsächlich angeboren sind. Julia Fischer fragt suggestiv: „Warum sollten sonst die meisten Rufe von Anfang an übereinstimmend gewesen sein, also zu einem Zeitpunkt, als die Tiere sich noch gar nicht kannten?“

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.