Besonders am Wochenende kommen viele zu Besuch

Göttinger Bahnhofsmission kümmert sich um Reisende und Bedürftige

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Bieten Reisenden einen Platz: Matthias Schökel (links) und Wolfgang Eggerichs vor dem Gebäude der Bahnhofsmission am Göttinger Bahnhof.

Göttingen. Es ist heiß im Göttinger Bahnhof, es weht kaum ein Lüftchen auf den Bahnsteigen. Abkühlung und ein offenes Ohr für Reisende, direkt zwischen Gleis vier und fünf, gibt es aber in dem Gebäude der Bahnhofsmission.

Mitarbeiter kümmern sich seit 70 Jahren um Menschen, die Hilfe brauchen.

Eine, die schon jahrelang zur Göttinger Bahnhofsmission kommt, ist Beate Rademacher. Fast täglich macht sie sich mit ihrem Rollstuhl auf den Weg zu dem unscheinbaren Gebäude mitten auf dem Bahnsteig - um Zeitung zu lesen. „Hier kann ich Ruhe finden“, erzählt sie.

Tee und Gebäck kostenlos

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofsmission kennen sie inzwischen schon so gut, dass sie gar nicht mehr gefragt werde, ob sie einen Tee oder ein kühles Getränk haben möchte. Denn die bekommen Reisende und Gäste dort kostenlos. „Die wissen schon genau, was ich am liebsten mag.“

Reisenden ein Getränk sowie ein Gebäckstück anzubieten, gehöre zum Service der Bahnhofsmission, sagt Leiter Wolfgang Eggerichs. Lediglich für Kaffee müssten 20 Cent gezahlt werden. „Das machen wir aber nur, damit die Menschen nicht das Gefühl haben Almosen zu bekommen.“

Zu den Mitarbeitern in den blauen Westen kommen nicht nur Reisende, die einen Anschlusszug verpasst haben oder noch Zeit bis zum Umstieg haben. Immer wieder seien es auch Menschen, die sonst keinen Platz in der Gesellschaft haben oder einsam sind - allein davon waren es 12.000 im vergangenen Jahr. „Insgesamt hatten wir 22.000 Besucher“, sagt Eggerichs.

Besonders am Wochenende kämen viele zu Besuch. Das hat in den Augen des Leiters vor allem einen Grund: „Wir haben auch dann auf, wenn viele andere Hilfseinrichtungen geschlossen haben“, sagt Eggerichs.

Begleitung zu den Zügen

Was die Bahnhofsmission noch macht, wird deutlich, wenn Beate Rademacher in ihrem Rollstuhl nicht mit dem Aufzug fahren kann, weil der wieder einmal ausgefallen ist: Blinde, Rollstuhlfahrer oder Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, werden zum Zug gebracht oder dort abgeholt.

Auch wenn Beate Rademacher nicht unbedingt der Geselligkeit wegen in die Bahnhofsmission kommt, so mag sie doch das familiäre Gefühl. „Ich genieße es sehr, hier eine Pause zu machen, wenn ich in der Stadt unterwegs bin.“

Gelassenheit

Obwohl es immer wieder laut wird, wenn Züge den Bahnhof passieren und eine Unterhaltung einen Moment unmöglich machen, strahlen Räume und Mitarbeiter Gelassenheit aus. Das ist es wohl, was viele Menschen suchen, wenn sie zur Bahnhofsmission kommen: ein bisschen Ruhe.

Ehrenamtliche Helfer

Träger der Bahnhofsmission ist der evangelisch-lutherische Kirchenkreis Göttingen, finanziert wird sie unter anderem von der Landeskirche Hannover und dem Kirchenkreis Göttingen. Die Mitarbeiter sind überwiegend ehrenamtlich tätig und zwischen 20 und 76 Jahren alt. Die Bahnhofsmission Göttingen zählt zu den größten in Niedersachsen. Geöffnet ist sie sieben Tage in der Woche. Gearbeitet wird im Zwei-Schicht-Dienst. Im Bereich der Jugendarbeit kooperiert die Bahnhofsmission mit 14 Schulen, um Kindern soziales Handeln näher zu bringen.

Bahnhofsmission in Zahlen

13 Jahre lang werden Kinder auf der Bahnfahrt von der Bahnhofsmissionen begleitet.

15 Stationen der Bahnhofsmission gibt es in niedersächsischen Städten.

40 - etwa so viele Jahre waren die Bahnhofsmissionen in der DDR verboten. Vorwand war die Spionage für den Westen.

100 Einrichtungen gibt es an Bahnhöfen in ganz Deutschland.

120 Jahre besteht die Mission in Hannover. Mit 25 Ehrenamtlichen hat sie fast so viele Mitarbeiter wie die Einrichtung in Göttingen.

1894 wurde die erste evangelische Bahnhofsmission vom Pfarrer Johannes Burckhardt in Berlin gegründet. Sie sollte Frauen Schutz bieten, die in der Stadt nach Arbeit suchten.

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