Theater im ehemaligen Filminstitut: Beifall für Boat-People-Projekt

Verstörend: Die Boat-People-Darsteller in wilder Panik hinter einem Bauzaun – Szene aus der Performance „WeltPolitikReaktionsVentil“. Foto:  Reimar de la Chevallerie/nh
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Verstörend: Die Boat-People-Darsteller in wilder Panik hinter einem Bauzaun – Szene aus der Performance „WeltPolitikReaktionsVentil“.

Göttingen. Zum ersten Mal Theater im leerstehenden Gebäude des ehemaligen Institutes für den Wissenschaftlichen Film (IWF): Das Boat-People-Projekt zeigte die Performance „WeltPolitikReaktionsVentil“.

Und die schlägt thematisch einen weiten Bogen: In loser Szenenfolge werden private Entscheidungsschwierigkeiten, globale Katastrophen wie Krieg und Flucht, die erdrückende Gewalt des Geldes, der Werbung, der Wirtschaft und die gleichschaltende Wirkung des Internets und der sozialen Medien angesprochen.

Diese Problempalette wird fantasiereich und oft witzig inszeniert. So stellt ein grün und blau bemalter Betonmischer die Welt dar. Eine der verstörendsten Sequenzen spielt an einem Bauzaun. Erst bekommt der Zuschauer eine Gänsehaut, weil die Darsteller in Panik durch den Zaun wollen. Die Auflösung der Szene, die hier nicht verraten werden soll, ist wie ein Schlag ins Gesicht.

Nicht nur hier gibt es reichlich Stoff zum Nachdenken. Die Performance, die gut anderthalb Stunden dauert, ist gespickt mit Informationen und Sentenzen. Die Aufmerksamkeit wird auf Trab gehalten.

Zumindest vordergründig versöhnlich sind die Elemente Gartenarbeit und Schokolade: „Was Leckeres im Magen ist wichtig für den kleinen Frieden zwischendurch.“

Das Spiel der Darsteller ist beeindruckend, auch, weil die wenigsten Schauspielerfahrung haben, von einer speziellen Ausbildung ganz zu schweigen.

Dem Boat People Projekt gebührt große Anerkennung dafür, in nur vier Monaten aus etwa 50 Frauen und Männern mit den verschiedensten Vorkenntnissen und Fähigkeiten, darunter sogar etwa zwölfjährige Mädchen, eine funktionierende Theatergruppe entwickelt zu haben.

Der Zuschauer bekommt aus Zitaten der Vorstellung, die im Flyer abgedruckt sind, auch einen Einblick, mit welchen Problemen die fünf Workshops zu kämpfen hatten. Diese Gruppen wurden von Dominik Landwehr, Franziska Aeschlimann, Nina de la Chevallerie, Reimar de Chevallerie und Sonja Elena Schroeder geleitet. Nicola Bongard „gab dem Art-Patch-Work den Anschein eines Musters und ein mehr oder weniger theatral geschminktes Gesicht“, wie es im Programmheft heißt.

Das Publikum der ausverkauften Premiere bedankte sich mit lang anhaltendem, stehenden Beifall.

Weitere Termine: 17.,18.,19., 21.,22. Juli, jeweils um 20 Uhr im Ex-IWF, Nonnenstieg 72, Göttingen. Karten unter reservix.de sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen für 15 Euro, ermäßigt neun Euro, erhältlich. Keine nummerierten Plätze, Einlass 15 Minuten vor Beginn.

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