Konsequenzen nach Skandal

Transplantationsmediziner schließen Göttinger Chirurgen aus

Organspendeskandal: Der Prozess vor dem Landgericht Göttingen endete nach 20 Monaten im Mai 2015 mit einem Freispruch. Foto: dpa

Göttingen. Der Transplantationsskandal am Göttinger Uni-Klinikum hat jetzt auch innerhalb der Ärzteschaft zu Konsequenzen geführt.

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) hat den früheren Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.

Einen entsprechenden Beschluss habe die Mitgliederversammlung mit großer Mehrheit anlässlich der jüngsten Jahrestagung in Essen gefasst, bestätigte am Mittwoch der Vorstand der medizinischen Fachgesellschaft.

Der 49-jährige Chirurg hatte nicht an der Versammlung teilgenommen. Als Grund für den Ausschluss wurde angegeben, dass der Mediziner gegen die Aufgaben und Ziele der Transplantationsgesellschaft verstoßen habe. Unter anderem wurde auf den Kommissionsbericht der Bundesärztekammer und den Transplantationskodex der Fachgesellschaft verwiesen.

Der Transplantationsskandal war im Sommer 2011 nach einem anonymen Anruf bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) aufgedeckt worden. Erste Überprüfungen ergaben den Verdacht, dass am Göttinger Uni-Klinikum Patientendaten manipuliert und falsche Werte an die zentrale Organvergabestelle Eurotransplant gemeldet worden waren.

Verstöße bei 79 Patienten

Dadurch hätten auch solche Patienten eine Spenderleber zugeteilt bekommen, die nach den geltenden Richtlinien keinen Anspruch auf ein Organ gehabt hätten. Die Kommission der Ärztekammer überprüfte später 105 Fälle aus der Zeit, als der 49-Jährige Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie gewesen war. Bei 79 Patienten stellten die Prüfer Richtlinienverstöße fest.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte den Chirurg wegen versuchten Totschlages in elf Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt. Sie warf ihm vor, durch die Meldung manipulierter medizinischer Daten Patienten als kränker dargestellt zu haben, als sie tatsächlich waren, damit sie schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen.

Außerdem habe er drei Patienten eine Leber transplantiert, obwohl sie keine benötigten. Der Prozess vor dem Landgericht Göttingen endete nach 20 Monaten im Mai 2015 mit einem Freispruch. Die Staatsanwaltschaft hat gegen das Urteil Revision eingelegt. Der Fall ist derzeit vor dem Bundesgerichtshof in Leipzig anhängig. Die BGH-Entscheidung wird auch andernorts mit großer Spannung erwartet, weil es bislang keine höchstrichterliche Rechtsprechung zu derartigen Fällen gibt.

Gegen den Göttinger Chirurgen ist außerdem noch ein weiteres Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Regensburg anhängig. Bei seiner früheren Tätigkeit an der dortigen Uniklinik soll es ebenfalls zu Manipulationen gekommen sein. (pid)

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.