30 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Allergien

Versorgungsengpass trifft Allergiker

Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Allergologe Prof. Dr. Thomas Fuchs. Foto: nh

Göttingen. In Deutschland leiden etwa 30 Millionen Menchen unter den Folgen von Allergien. Aber es gibt immer weniger Mediziner, die sie versorgen.

„Es gibt eine Versorgungslücke“, sagt Prof. Dr. Thomas Fuchs von der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). „Wir haben dramatisch weniger Ärzte, die sich um Allergiker kümmern, sagte auch Prof. Dr. Harald Renz von der Uni Marburg.

Ein Grund dafür ist die Entlohnung der Leistungen. Diagnose und Beratungen sind aufwändig, die Vergütung aber ungenügend und zum Teil nicht einmal kostendeckend für die Ärzte, wie Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) und auch Thomas Fuchs kritisieren. Die Formel ist simpel: Was nicht bezahlt wird, wird auch selten gemacht. Die Zahl der Allergiker aber bleibt auf einem hohen Niveau. Das hat Folgen, die Wartezimmer sind voll. Und sie dürften auf Jahre hinaus nicht leerer werden, wie während der 18. Allergologischen Wintertagung an der UMG deutlich wurde.

Eine Gefahr stellt nach Meinung einiger Spezialisten die Ausbreitung der Pflanze Ambrosia von Süd- und Osteuropa nach Deutschland dar. Ambrosia trägt Pollen, die hochallergen sind und auf die die Hälfte aller Pollenallergiker reagieren werden, wie Jeroen Büters von der TU München sagt. „Ganz klar, Ambrosia wird unterschätzt.“

Die DGAKI jedenfalls geht in die Offensive, fordert einen Nationalen Aktionsplan Allergie, wie es ihn in anderen Ländern wie Finnland gibt. So soll vor allem die Versorgung von schweren Allergikern verbessert werden und Neuerkrankungen verhindert werden.

Die Chancen dafür stehen grundsätzlich nicht schlecht, denn die Forschung habe ein hohes Niveau, wie Thomas Fuchs sagt: Wir wissen viel, „aber viele Erkenntnisse können nicht genutzt werden, kommen nicht beim Patienten an.“

Sollten diese beiden Ziele - weniger schwerkranke Allergiker und Neuerkrankte - erreicht werden, würde das auch Geld im Gesundheitssystem sparen. Denn: Etwa 70 Prozent der Arztkosten allein bei Asthma werden von nur 20 Prozent der Patienten, nämlich den Schwerkranken verursacht.

Wie Prof. Dr. Thomas Fuchs sagt, könnten durch eine genaue Diagnose und effiziente Therapie viele Verläufe von Allergieerkrankungen entschärft werden. Denn nicht jeder Patient muss aus einer Allergie eine schwere Erkrankung entwickeln. Voraussetzung: Auch schwache Anzeichen von allergischen Reaktionen wie Schleimhautreizungen werden untersucht.

„Allergien werden oft nicht ernstgenommen, oder nach einer Behandlung und einem Wiederauftauchen von Symptomen nicht gezielt weiterbehandelt“, sagt Fuchs, Oberarzt mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Patienten gingen dann andere Wege, in Richtung ungeklärter Therapieverfahren, berichtet Fuchs, der dafür kein Verständnis hat. „Die Schulmedizin bietet Antworten und Möglichkeiten.“ Die Medikamente seien heute fein dosierbar, die Nebenwirkungen meist geringer als noch vor Jahren. Wichtig für die Allergologen sei vor allem die Rückmeldung, auch beim Wiederaufflammen der Erkrankung: „Uns gehen viele Patienten verloren, die nicht wiederkommen, und damit auch wichtige Erkenntnisse.“ Denn eine Allergie-Sensibilisierung verschwindet nie. „Sie ist da - und sie muss behandelt werden“, sagt Fuchs, der auch betont, dass das Feld der Allergene und Allergien scheinbar unendlich ist.

Die Auslöser sind oft nicht greifbar, immer wieder tauchen neue auf. Dabei sind nicht nur Pollen zu nennen, auch andere Stoffe, chemikalische Verbindungen, wie in Flüssigseifen. Der Kampf der Mediziner in Deutschland gegen die Krankheit ist so auch der Kampf gegen die Industrie, für Verbote und die Unterstützung von Politik und Ämtern. Manchmal, sagt Fuchs, dauern Reaktionen auf Forderungen von Verboten lange, sehr lange, auch wenn wissenschaftlich fundierte Untersuchungen dafür vorlägen.

Prof. Thomas Fuchs rät Allergikern - vor allem jenen, die auf Medikamente reagieren auch - zum Erstellen eine Allergiepasses.

Gut erforscht sind die von Pollen ausgelösten Allergien. Bekannt ist, dass die Pollen früher im Jahr kommen, dass die Klimaerwärmung Folgen hat. Jeroen Büters von der TU München hat eine weitere Theorie: Durch den Klimawandel ist der CO2-Gehalt in der Luft gestiegen, das Pflanzenwachstum hat sich beschleunigt, mehr Pollen sind in der Luft. Die Zahl der Pollen hätte - trotz abnehmender Luftverschmutzung in Deutschland - über die Jahrzehnte zugenommen. Die Zahl der Allergiker auch. Aber die Zahl der Ärzte, der Experten, die helfen könnten nicht. „Das ist ein großes Problem.“

Allergien sind überschießende Abwehrreaktionen des Immunsystems auf bestimmte und meist harmlose Umweltstoffe (Allergene). Auslöser der Allergien sind Allergene, Antigene, gegen die das Immunsystem ankämpft. Allergene sind oft Proteine, sehr häufig Enzyme. Bei Allergietests werden der Haut oder dem Köprer gezielt Allergene zugeführt.

Die Folge sind entzündliche Prozesse - auf der Haut sind es oft Rötungen, Ausschläge; auf den Schleimhäuten Reizungen. Symptome der Allergie können von leicht bis lebensbedrohlich reichen. Die Symptome sind mit dem Verlauf der Allergie oft zunehmend. Aus Atemwegsreizungen kann akutes Asthma werden. (tko)

Von Thomas Kopietz

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