Migrationsforscherin Dr. Janina Söhn 

Interview über Bildungschancen: „Wir sind ein attraktives Land“

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Sprache lernen: Die Göttinger Soziologin Dr. Janina Söhn fordert einen Zugang zu Sprachkursen für alle Migranten. Das Bild zeigt einen Integrationskurs an der Volkshochschule Leipzig mit Teilnehmern aus Palästina, Afghanistan, Syrien, Georgien, Myanmar und dem Libanon.

Göttingen. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Auch wenn abgelehnte Asylbewerber das Land wieder verlassen müssen, werden viele Menschen bleiben.

Im Interview erklärt die Göttinger Soziologin Dr. Janina Söhn, was die Teilhabe- und Bildungschancen von Migranten beeinflusst. 

Die Flüchtlingskrise bewegt die Menschen. Nicht nur von Politikern, von allen Seiten wird gefordert, dass Migranten die Sprache lernen müssen, damit Integration gelingen kann.

Dr. Janina Söhn: Man kann davon ausgehen, dass die meisten Deutsch lernen wollen. Ob das tatsächlich gelingt, ist eher eine Frage der Möglichkeiten, die das Aufnahmeland anbietet und der individuellen Fähigkeiten. Mit 40 Jahren fällt es schwerer eine Sprache zu lernen als mit acht Jahren.

Es ist wichtig, allen den Zugang zu Sprachkursen zu ermöglichen. Das war bis letztes Jahr bei Asylbewerbern nicht der Fall. Dabei kann ein Asylverfahren Jahre dauern. Diese Zeit darf nicht ungenutzt bleiben. Wenn die Leute arbeitslos bleiben oder nur in Jobs für Geringqualifizierte landen, obwohl sie mehr können, und die Motivation nach und nach schwindet, wird es schwierig. Wer erst einmal Jahre in einem solchen Job arbeitet, verlernt vieles und der Lebenslauf ist dauerhaft „beschädigt“. Wir müssen früh investieren. Das wird sich langfristig auszahlen.

Welche Faktoren sind außerdem entscheidend für die Frage, ob Integration gelingt ?

Söhn: Wichtig ist der Rechtsstatus. Die Situation von Flüchtlingen, die nur eine Duldung haben, ist prekär. Wenn Betroffene keine Arbeit aufnehmen dürfen und sie generell ihr Leben noch nicht einmal mittelfristig planen können, kann dies langfristig negative Auswirkungen haben.

Haben es andere Gruppen einfacher?

Söhn: Die Spätaussiedler, die vor allem in den 1990er Jahren gekommen sind. Ihnen hat man von Anfang an die volle Staatsbürgerschaft zuerkannt und viele Integrationsmaßnahmen angeboten. Ein sicherer Rechtsstatus kann nicht für alles herangezogen werden, aber einige Nachteile, die eine Migration mit sich bringt, zumindest abfedern. Im Vergleich zu anderen zugewanderten Kindern habe Aussiedlerkinder zum Beispiel eher einen mittleren Schulabschluss geschafft. Aus solch positiven Erfahrungen können wir lernen.

Warum sind Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule benachteiligt?

Söhn: Das Hauptproblem ist unser Bildungssystem, das unterfinanziert ist und sozial benachteiligt. Arbeiterkinder haben eine geringere Chance das Gymnasium zu besuchen. Diese Benachteiligung bekommen auch Migranten zu spüren. Dabei sind Eltern oft sehr motiviert, wünschen sich für ihre Kinder Bildung, auch wenn sie selbst wenig gebildet sind.

Warum führt diese Motivation nicht zu Erfolg?

Söhn: Weil viele Eltern nicht wissen, wie sie ihre Kinder durch das für sie ungewohnte deutsche Bildungssystem begleiten sollen. Kinder von zugewanderten Akademikern bringen es oft trotzdem weit. Zum Beispiel ein iranischer Arzt, der hier nicht in seinem Beruf arbeiten kann, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wurde, bringt viel kulturelles Kapital mit. Das wiederum hilft, dass die Tochter erfolgreich wird.

Es gibt aber auch etliche Kinder von Gastarbeitern, die beruflich erfolgreich sind. So und so - die Gymnasien werden bunter werden. Das passiert schon jetzt.

Welche Menschen machen sich überhaupt auf den Weg, was treibt sie an?

Söhn: Es braucht Mut und Entschlossenheit, in ein anderes Land zu gehen. Wer ganz verzagt ist, macht diesen Schritt nicht, erst recht nicht in ein Boot im Mittelmeer. Die Allerärmsten haben die Mittel dazu nicht. Aus Afrika kommen häufig Leute aus der aufstrebenden Mittelschicht. Viele haben sogar studiert, finden aber keine angemessene Arbeit. Das sind Leute, die in Deutschland etwas erreichen wollen. Das ist schon einer der vielen Gründe, sie hierzulande willkommen zu heißen.

Was muss geschehen?

Söhn: Wir müssen Integration als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen, die entsprechend finanziert werden muss. In den 1990er Jahren wurde bereits viel angestoßen, dann aber wieder eingespart. Wir brauchen etwa mehr Lehrer, die Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache und auch andere Fächer sprachsensibel unterrichten - davon würden nicht nur Migrantenkinder profitieren.

Was können wir von anderen Ländern lernen?

Söhn: Auf der symbolischen Ebene mehr Selbstvertrauen und das Bewusstsein, dass wir ein attraktives Land sind. Kanada zum Beispiel wählt Einwanderer aus, aber nicht so streng, wie man denkt. Es gibt dort eine ausgeprägte Willkommenskultur. Der Staat ermutigt die Einwanderer nach einer Mindestzahl an Jahren, die Staatsangehörigkeit anzunehmen, und Migranten werden so zu wirklich gleichberechtigten Mitbürgern.

Zur Person

Dr. Janina Söhn arbeitet seit 2012 am Soziologischen Forschungsinstitut (Sofi) der Universität Göttingen und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Migration, Bildung und soziale Ungleichheit, Zuwanderungs- und Integrationspolitik. Ein aktuelles, von ihr geleitetes Projekt untersucht, unter welchen Umständen Migranten, die als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, Bildungsangebote wahrnehmen und zum Beispiel eine Ausbildung machen oder ein Zweitstudium absolvieren. (shx/nh) Foto: Sofi/nh

Von Kornelia Schmidt-Hagemeyer

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