Göttinger Amerikanistik-Professor Gross zu Gründen der Trump-Wahl

Prof. Andrew Gross Foto: tko

Göttingen. Make America great again! Amerika wieder zu alter Größe führen – mit diesem Ruf hat Donald Trump viele Wähler gewonnen. Aber warum? Wie schlecht geht es Amerika eigentlich? Das haben wir den Amerikanistik-Professor Andrew Gross von der Universität Göttingen gefragt.

Gefühl der Enteignung

Der typische Trump-Wähler kommt aus der riesigen Mitte, dem Heartland (Herzland), und dem Süden der Vereinigten Staaten. Dort, wo die Menschen viel verloren haben: Jobs, Einkommen, Häuser. „Viele fühlen sich enteignet, entwurzelt – vielen geht es definitiv schlechter“, sagt Andrew Gross, der fern seiner Heimat Arizona an der Uni Göttingen lehrt – als Nordamerika-Experte und Literaturwissenschaftler. Gross ist weit weg und dennoch nah dran: Seine Eltern und Verwandte leben in Arizona. „Die Leute, die für Trump gestimmt haben, waren auch meine Nachbarn – das ist schlimm“, sagt Gross, noch unter dem frischen Eindruck des Wahlresultats.

Wenige Jobs im Heartland

Der Politikexperte kann aber nachvollziehen, warum die Menschen so gehandelt haben: Viele Firmen sind dicht, die Jobs und Häuser weg, Kleinstädte drohen auszusterben. Das nagt an den Alten, die einst die Motoren im wirtschaftlich wiedererstarkenden Amerika waren. Heute ist die Selbstmordrate hoch. Oder Alkohol spendet ihnen, die einst für den amerikanischen Traum standen, Trost.

Obamas Erfolge

Dabei geht es dem Staat – und vielen Menschen – nicht schlecht: Es gibt boomende Städte wie San Francisco, zehn Millionen mehr Bürger haben eine Krankenversicherung. Bei etwa fünf Millionen Arbeitslosen herrscht im Land beinahe Vollbeschäftigung. Erfolgszahlen der Ära Obama.

In einigen Staaten – auch im eigentlichen Demokraten-Terrain an den Großen Seen im Norden – spüren viele Menschen aber nichts davon. Sie sind frustriert. Andrew Gross zeichnet ein treffendes Bild: „Viele in Amerika haben das Gefühl, sie stünden in einer Schlange, und immer wieder stellt sich einer vorne an.“ Wer trägt die Schuld dafür? Es ist die Suche der Außenseiter nach einem Sündenbock, den viele Amerikaner in Washington finden.

Trump-Versprechungen

Plötzlich taucht der selbsternannte Politik-Außenseiter, der Milliardär Donald Trump, auf, der nicht aus Washington kommt und keine Erfahrung als Politiker hat, was deshalb zum Vorteil wird. „Jetzt kam einer, der mit ganz, ganz einfachen Worten sagt: Ihr seid wertvoll, und ich mache die USA wieder groß“, beschreibt Andrew Gross den genialen Schachzug, mit dem Trump eine Riesen-Wählergruppe gewinnt: den älteren, geringer gebildeten Mann vom Land.

Enttäuscht über Politik

Perspektivlosigkeit und Enttäuschung über die Politik in Washington sind so groß, dass die meisten Wähler offenbar lieber dem scheinbar ehrlichen Lügner Trump vertrauen als der schlangengleich wirkenden Profi-Politikerin Hillary Clinton.

Riss bleibt

Trotz Wahl: Der Spalt, ja die Verwerfung, zwischen Politik und Bürger bleibt. Viele sind weit weg von der Realisierung des amerikanischen Traums. „Das politische Grundverständnis in den USA ist nicht mehr da“, stellt Andrew Gross fest. Man habe das Gefühl, dass es keinen Konsens gibt. Die Schlammschlacht Wahlkampf habe das gespiegelt. „Es gibt auch kein Verständnis für den Gegner.“ Der Amerika-Wissenschaftler Gross traut Trump das Überbrücken der Gräben nicht zu: Dabei müssten alle mithelfen, die Bürger, die Medien, die Politiker. Und die Demokraten: „Die müssen aber erst mal die Menschen wieder verstehen lernen – und den politischen Gegner.“ Ein schmerzhafter Prozess.

Von Thomas Kopietz

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